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"Ende der großen Ferien"
Lesung mit Pavel Kohout
16.04.1991, 20.00 Uhr
Idar-Oberstein, Göttenbach-Aula


Nahe-Zeitung, 19.04.1991
"Man muß spüren, daß etwas Lüge ist"
Schriftsteller Pavel Kohout gab Einblicke in sein Leben, in seine Arbeit und seine Philosophie

"Ein Schriftsteller muß wissen, wer Feind ist und wer Freund, und darf nicht taktieren wie ein Politiker." So kompromißlos ist Pavel Kohout, tschechoslowakischer Autor, der am Mittwochabend aus seinem neuesten Buch las und den Zuhörern ein wenig von seiner Lebensgeschichte und Philosophie erzählte.

Die großen Ferien sind die Zeit zwischen dir Flucht aus dem Heimatland und jener Periode, in der man wieder ein sinnvolles Leben in der neuen Heimat fährt", lautet seine Erklärung zum Buchtitel "Das Ende der großen Ferien". Kohout floh nach der Niederschlagung der Prager Frühlings" nicht er wurde 1979 - wie er es selbst formuliert - abgetragen nach Österreich". Das heißt er bekam eine Ausreise-Erlaubnis und durfte dann als unbequemer Regime-Gegner nicht mehr zurückkehren.

Das Exil, "das Warten, Warten, Warten", ist Teil seiner Lebensgeschichte und sein Romanstoff. Fluchtgeschichten: Von einer tschechoslowakischen Familie, die in anderthalb Stunden durch einen acht Kilometer langen Eisenbahntunnel flieht, gejagt von einem herannahenden Zug. Oder von einem Magier, der österreichische Zollbeamten beleidigt und sich von ihnen verhaftet läßt um in Freiheit zu kommen.

Der 63jährige Schriftsteller arbeitet grundsätzlich ohne Konzept: Ich kokettiere lange mit einem Thema, bis ich es heirate, dann suche ich mir eine starke Ausgangssituation und beginne, mir die Menschen zusammenzukneten."

Kohout´sches Schriftsteller-, vielleicht auch Lebens-Rezept. Man muß spüren, daß etwas Lüge ist, und man trifft die Entscheidung in Wein Satz.«

Für sein Leben habe er die Entscheidung getroffen, nachdem er nach 1945 als Kommunist sehr schnell die Folgen des real existierenden Kommunismus gesehen habe: Ich habe mir überlegt, soll ich meinem Wunschtraum nachgehen oder schreiben, was ich in der Realität erlebe." Grimmig spricht er über den deutschen Schriftstellerkollegen Bernt Engelmann, der seiner Ansicht nach mit dem Regime kollaboriert hat und lobt Heinrich Böll und Siegfried Lenz, die sich für seinen Freund und Schriftsteller Vaclav Havel eingesetzt haben, als der in einem CSSR-Gefängnis zu sterben drohte.

Kohout wird witzig-ironisch, wenn er über seine Gegenwart spricht: Schriftsteller bekommen ja nie Rente. "Es gibt Tage, da sage ich zu meiner Frau, heute bin ich in Pension. Auf diese Weise habe ich schon 17 Rententage zusammenbekommen." zwinkert Pavel Kohout dem die kommunistischen Machthaber 1977 die Altersversorgung strichen, weil er sich für die Einhaltung der Menschenrecht in der Tschechoslowakei einsetzte.

Warum er nicht wie Vaclav Havel ein politisches Amt in der neuen CSFR übernimmt? - Ich halte Exilanten nicht für die besten Ratgeber. Sie wissen nicht "Who is who", sie waren nicht da. Außerdem haben es die Leute zu Hause nicht gern", ist er Realist.

Seinen Freund Vaclav Havel, dem neuen Staatsoberhaupt der CSFR, scheint er ein bißchen zu bedauern: "Macht ist eine schreckliche Geliebte. Sie hinterläßt Spuren einem Menschen. Vaclav Havel muß jetzt als Politiker taktieren." Andrea Djifroudi