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"Terror´93-Literarische Essays
zu Fremdenhass, Gewalt und Vertreibung"
Lesung mit Gerd Fuchs und Albert Pütz
01.03.1994, 20.00 Uhr
Idar-Oberstein, Badischer-Hof

Nahe-Zeitung, 03.03.1994
Albert Pütz und Gerd Fuchs lasen aus dem Buch "Terror ´93"
Man kann nicht deutsch werden
"Schnecke" veranstaltete Diskussion zum Thema Fremdenhaß, Gewalt und Vertreibung

IDAR-OBERSTEIN. ILO. "Als Literaten wollen und können wir nur Aufklärung über die Lage geben", sagte Pütz. - "Und von der Partei, der man nahesteht, verlangen, richtige Politik zu machen", ergänzte Fuchs.

Auf Einladung des Kulturvereins "Schnecke" lasen Albert Pütz, Amtsrichter in Idar-Oberstein und Vorsitzender des Landesverbands deutscher Schriftsteller, und Gerd Fuchs, Autor in Hamburg,- im "Badischen Hof" aus dem von der Landeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Buch "Terror'93".

In seiner Glosse, unter dem Eindruck von Mölln entstanden, schreibt Fuchs: "Die historischen Kontinuitäten -vom "Tausendjährigen Reich" bis in die "neue" Bundesrepublik - so oft beschworen, setzten sich durch, an die Anknüpfungspunkte wurde angeknüpft.' Das Feuer von Auschwitz sei in den Molotow-Cocktails der Bombenleger wieder entfacht worden.

Nazi-Elite re-etabliert

Sätze, die er in der anschließenden Diskussion mit Beispielen belegte: Der Kommentator der Nürnberger Rassegesetze sei von Adenauer als Staatssekretär berufen worden. Kurt Georg Kiesinger war seit 1933 NSDAP-Mitglied und ab 1943 stellvertretender Leiter der rundfunkpolitischen Abteilung des Außenministerium und wurde trotzdem Bundeskanzler der Großen Koalition. Bundespräsident Heinrich Lübke hat als Mitarbeiter eines Architekturbüros an KZ-Bauten mitgewirkt - um nur die Spitze des Eisberges zu nennen.' Auch aufgrund eines Gesetzes, das die Führungselite Nazi-Deutschlands wieder in wichtigen Positionen etablierte, könne letztlich nicht von einer demokratischen alten Bundesrepublik die Rede sein, so Fuchs.

"Ein Meinungswandel, Bruch wäre zuviel gesagt, kam erst, als die Söhne die Väter 1968 ablösten", betonte Fuchs. Rechtsextremismus habe es doch schon immer gegeben: Warum werden die Leute erst jetzt wach, wird erst heute die Parallele zu der Zeit von 1933 bis 1945 gezogen - eine der Fragen aus dem Publikum. Die tiefgreifende Strukturkrise, in der wir uns gerade befinden, führt in eine neue Gesellschaft", so Fuchs. "Schnecke"-Vorsitzender Axel Redmer verwies auf ähnliche Entwicklungen des Faschismus in anderen Ländern. Die derzeitige wirtschaftliche und soziale Umbruchsituation werfe die Menschen offenbar aus der Bahn.

"Unterschwellig, aber beharrlich wird darüber diskutiert, daß wir unsere nationale Identität wieder zu definieren haben", erklärte Fuchs. Schlimm sei, daß nationale Identität biologistisch definiert werde. Das Blutsrecht konstruiere im Gegensatz zum Bodenrecht in Frankreich, ein deutsches Wesen, das man einfach habe". Die fatale Konsequenz: Die Rechtsdefinition fordere reines deutsches Blut und definiere damit eine reine Rasse, was einschließe, daß das eine besser sei als das andere.

Das "Fürchterliche an dieser Diskussion" für Fuchs: Man kann nicht deutsch werden." Dort lägen die Versäumnisse der Politiker, dort und an jenem bizarren Tanz um Artikel 16 GG" zeige sich ihr Mitverschulden an Rostock, Mölln und Solingen. Das Staatsbürgergesetz wurde nur andiskutiert."

Als ernste Gefahr wurden die rechten Intellektuellen eingestuft, die im Nadelstreifenanzug, die über viel Kapital verfügen und in ganz Europa vernetzt sind. Fuchs sah diese als durchaus mit der Ellenbogen-Gesellschaft" in Einklang stehend an.

Vehement wehrten sich die An. wesenden gegen Verharmlosung oder Totschweigen von ausländerfeindlichen Tendenzen hierzulande Sie einigten sich auf gemeinsam, Anstrengungen zur Einrichtung eines Runden Tisches, dessen Funktion schließlich nicht durch eine widerwillig eingeführten Ausländerbeirat ersetzt werden könne. Die Politiker müßten zum Zugzwang gebracht werden.