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"Bozena"
Lesung mit Peter Härtling
11.05.1995, 15.00 und 20.00 Uhr
Idar-Oberstein, Göttenbach-Aula

Nahe-Zeitung, 13.05.1995
Einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegsschriftsteller las in der Göttenbach-Aula vor
Härtlings Lust, Last und Leid
Stadtschreiber von Mainz stellte auf Einladung der "Schnecke" seine Novelle "Bozena vor

IDAR-OBERSTEIN Lust .und Last zugleich sind Lesungen wie die in der Göttenbach-Aula für Peter Härtling einen der bedeutendten deutschen Nachkriegsschriftsteller. Das bekannte er am Donnerstag abend seinem - gemessen an seinem Renomee - kleinen Publikum, für das er aus seiner Novelle "Bozena" las.

Es strenge ihn sehr an, vor mehreren hundert quirligen Kindern, wie am Nachmittag, zu lesen Danach fühle ich mich wie nach einem 3000-Meter-Lauf", gestand der Autor Muße war dann der Nachschlag fürs erwachsene Publikum am Abend, denn eigentlich liest er sehr gerne" vor, wie er schmunzelnd offenbarte.

"Bozena" - das ist ein literarisches Beispiel dafür, daß es auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges, das für unzählige Menschen eine Befreiung war, noch Opfer gab, wie Axel Redmer, Vorsitzender des gastgebenden Kulturvereins "Die Schnecke", meinte.

Geschichte eines Opfers

Der Inhalt des Buches: Von den verbrecherischen Nazis wird die im mährischen Olmütz lebende junge Frau Pani Bozena Koska vom Studium ausgeschlossen, weil sie Tschechin ist. Und ihre kommunistischen Landsleute schließen sie nach dem Krieg vom Leben aus, weil sie eine "Nazinutte" gewesen sein soll. Allein die Tatsache, daß sie für einen deutschen Anwalt, Härtlings Vater Rudolf, arbeitete, macht sie zur verachteten Kollaborateurin, wofür sie lebenslang büßen muß.

Eingefleischten Härtling-Anhängern ist die tragische Figur keine Unbekannte: Sie tauchte bereits in. ,Nachgetragene Liebe" als unscheinbare Frau Spatschek auf. Ins Bewußtsein des 1933 in Chemnitz geborenen Schriftstellers kehrte sie zurück, als er nach der politischen Wende in der. Tschechoslowakei schweren Herzens in seine Heimat der Schriftsteller sprach von der "Kindheitsgegend" - zurückkehrte und zufällig deren Neffen kennenlernte. Der Dichter erfuhr, daß die Tante gestorben ist und sein Vater bei den Tschechen plötzlich als guter Mensch gilt, weil er verfolgten Juden und anderen Bedrängten geholten hat.

Briefe an den Vater

In "Bozena" vermischt der derzeitige Stadtschreiber von Mainz Wahrheit und Fiktion. Nur Bruchstücke des Lebens der Frau kennend, die für seinen Vater gearbeitet und ihn heimlich und unerwidert geliebt hat, drängte es ihn dazu, ihre bedrückende Geschichte niederzuschreiben. Aber es ging ihm um mehr, wie er seinen Zuhörern in der Göttenbach-Aula eröffnete: Er versuchte wie in anderen Werken zuvor auch, sich mit seinem Vater auseinanderzusetzen, der 1945 in russischer Kriegsgefangenschaft starb für ihn ein schmerzvoller Verlust. Die Briefe, die seine Romanfigur 30 Jahre lang an einen Toten schreibt, "sind auch ein bißchen die Briefe von mir an ihn". In der Novelle bleibt Rudolf Härtling - er taucht nur als "R.H."auf- eine Randfigur. Im Mittelpunkt steht ein Mensch, der ebenfalls auf ihn verzichten mußte.

Eine Zuhörerin lotete die Stimmung wohl richtig aus, und fragte den Dichter, warum er so viele schwermütige Geschichten geschrieben habe. "Das liegt wohl an mir", seufzte Peter Härtling.

Wolfgang Mattern