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Vortrag von Margarete Mitscherlich
"Das Ende der Vorbilder"
01.07.1996, 20.00 Uhr
Idar-Oberstein, Göttenbach-Aula 

Nahe-Zeitung, 03.07.1996
Zu viele Fragen blieben unbeantwortet
Margarete Mitscherlich konnte die Erwartungen der Zuhörer nicht erfüllen

IDAR-OBERSTEIN. Am Tag danach - nach dem deutschen Sieg bei der Fußball-EM - bot sich diese Diskussion förmlich an: "Läßt es sich ohne Vorbilder leben" - eine eindeutige Antwort auf diese Frage konnte auch die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich am Montag in der mit mehr als 200 Besuchern gefüllten Göttenbach-Aula nicht bieten.
Der Kulturverein "Die Schnecke" hatte die 1917 im dänischen Graasten geborene Margarete "eigentlich Mitscherlich-Nielsen", so Axel Redmer, in die Schmuckstadt eingeladen. Vermutlich wurden die hohen Erwartungen der Besucher - in erster Linie waren es Frauen - an die Vorlesung der 79jährigen nicht erfüllt. Sehr bemüht, ihr Anliegen an Frau und Mann zu bringen, faßte sie das 1978 von ihr verfaßte Buch "Das Ende der Vorbilder", das es im Handel nicht mehr gibt, zusammen.

Leer und hoffnungslos
Ein Leben ohne Vorbilder sei leer und hoffnungslos, ein Leben mit Vorbildern könne im Extremfall zum schlimmsten führen. So streifte Mitscherlich, daß falsche Vorbilder Jugendliche zum Beispiel in den Rechtsextremismus führen könnten. Dieses Thema hätten viele Zuhörer, so hatte es zumindest den Anschein, gerne etwas ausführlicher erörtert, saßen doch im Auditorium eine Reihe von Lehrern und Erziehern.
Einen zu weiten, zu konstruierten, zu oberflächlichen Bogen spannte die Psychoanalytikerin: von der Vergangenheitsbewältigung über den Feminismus, von der Angst vor der Entwicklung Jugendlicher in extreme Richtungen, von den weiblichen Terroristen, die ihre Aufgabe - angeblich - als Befreiungsschlag aus der Männerwelt ansahen, bis hin zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Schlag auf Schlag - viel zu schnell handelte die 79jährige die verschiedenen Themen ab. Was gänzlich fehlte, war eine
Definition des Begriffs "Vorbild".
Ein Großteil der Gesellschaft, so Mitscherlich, setze Glück mit Wohlstand gleich. Diese Sicht der Dinge präge auch Kinder und Jugendliche, die laut Mitscherlich Ziele brauchen, die sich verwirklichen lassen. Nur so können, teils von den Eltern übernommene Wertvorstellungen erweitert und neu geordnet werden.
Keine "Weltheiler"
In der anschließenden Diskussion bezog sich Margarete Mitscherlich bei ihren Antworten allzu sehr auf ihre eigenen Theorien, wiederholte ihre Thesen, ging viel zu wenig auf ihre Gesprächspartner ein. Und mußte sich zum Schluß mit der Frage auseinandersetzen, ob sie sich bewußt sei, daß sie mit ihrer Arbeit nur einen sehr kleinen, gebildeten, ja elitären Kreis erreiche. "Haben Sie eigentlich Verbesserungsvorschläge zum Beispiel für Jugendliche, die falsche politische Vorbilder haben ?" Ein "Weltheiler" sei sie eben nicht, begründete die Psychoanalytikerin ihre schwammige Antwort, mit der die Fragende nicht zufrieden war. Petra Mix