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"Europa ist unterwegs"
Lesung mit dem polnischen Schriftsteller
Andrzej Szczypiorski
06.06.1997, 20.00 Uhr 
Umwelt-Campus Birkenfeld, Kinosaal 

Nahe-Zeitung, 09.06.1997
Sein drittes Kriegsende erlebte der Autor erst 1990
Andrzej Szczypiorski las in der FH aus einem neuesten Buch "Europa ist unterwegs"

NEUBRÜCKE "Ich bin kein Enthusiast des polnischen Martyriums." Der dies sagt, ist nicht nur Pole, sondern wurde auch von den Nazis ins Konzentrationslager verschleppt, sah seine Heimatstadt Warschau in Flammen aufgehen, erlebte nach dem Kriegsende ein von der Sowjetunion besetztes und bevormundetes Heimatland. Er kann über lange Zeit, sein eigenes literarisches Werk nur im Untergrund verbreiten, wird 1981 bei Verhängung des Kriegsrechtes sogar interniert.
Andrzej Szczypiorski ist einer der Großen der polnischen Gegenwartsliteratur, mit Romanen wie "Die schöne Frau Seidemann" oder "Eine Messe für die Stadt Arras" erlangt er weltweit literarische Anerkennung. Sein Thema ist das Trauma des 20. Jahrhunderts: der Mensch im Totalitarismus.

Mantel viel zu schwer
Szczypiorski, der auf Einladung des Kulturvereins "Die Schnecke" in den Kinosaal der Fachhochschule Neubrücke gekommen war, sprach aber vor rund 70 Besuchern nicht als Literat zu seinen Lesern, und auch nicht als Verfolgter zu den Nachkommen seiner früheren Peiniger, sondern als Pole zu Deutschen - als Europäer zu Europäern, deren gemeinsame Zukunft ihm mehr am Herzen liegt als die Aufrechnung vergangener Schuld.
"Es wird nicht mehr geschossen" - Szczypiorski las ein Essay aus seinem neuesten Buch "Europa ist unterwegs", in dem er beschreibt, wie für ihn der Zweite Weltkrieg dreimal zu Ende ging: das erste Mal, als die Russen den Todkranken aus dem KZ Sachsenhausen befreien, und er "wie Lazarus" gleich 2000 weiteren "Lazarussen" eine "Wunderheilung" erlebt. Das zweite Mal, als er "als Sieger" in das brennende Berlin kommt und sich als Siegesbeute einen "vornehmen Mantel mit Samtkragen" aus dem Schaufenster eines brennenden Geschäftshauses holt. Doch die psychologisch für ihn so wichtige Beute erweist sich im Alltag als unpraktisch: Sie ist zu schwer für den beschwerlichen Rückmarsch in die Heimat.
Doch auf sein drittes Kriegsende muß er fast ein halbes Jahrhundert warten: das kam erst im Frühjahr 1990 als er als Repräsentant des polnischen Parlamentes beim Abzug der sowjetischen Truppen dabei sein darf, jener Truppen, "die kamen, um mich aus dem KZ zu befreien, aber dann blieben, um mich in Unfreiheit zu halten". Erst jetzt sind die Folgen des Krieges überwunden, erst jetzt ist seine Heimat, die immer wieder zum Spielstein der Großmächte wurde, souverän und kann sich seinen Platz in der Geschichte und in Europa suchen.
Szczypiorski spricht von der schmerzlichen Erfahrung seiner Landsleute, die Illusionen von 1989/90 zu verlieren, als man glaubte, mit der Überwindung des alten Systems werde sich Polen binnen kurzer Zeit in ein reiches Land verwandeln. "Inzwischen wissen wir, daß die NATO-und EG-Zugehörigkeit Opfer kostet."
Der Weg nach Europa führt für die Polen über Deutschland, meinte Szczypiorski, und er schilderte, wie sich das Deutschlandbild in Polen in den letzten Jahren so sehr geändert habe, daß man von einer "geistigen Revolution" sprechen könne.
Andrzej Szczypiorski wurde am Schluß der Lesung und der sich anschließenden lebhaften Diskussion mit langanhaltendem Beifall verabschiedet. War man an diesem Abend auch weniger dem Literaten als dem engagierten Botschafter eines Landes begegnet, so waren seine Ausführungen doch immer weit entfernt von politischen Phrasen und immer voll genauer Beobachtungsgabe, sinnlicher Ausdrucksweise und augenzwinkernder Lebensweisheit. 

Jörg Staiber