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Hans Koschnick, ehemaliger Bremer Bürgermeister
und EU-Verwalter von Mostar,
spricht und diskutiert über die Lage in Bosnien
12.03.1997, 20.00 Uhr
Idar-Oberstein, Gymnasium Heinzenwies 

Nahe-Zeitung, 14.03.1997
Vorschlag: Nur Friedenswillige unterstützen - Keine Hilfe ohne Gegenhilfe - Führungskräfte gewinnen
"Verträge sind das eine, das Leben ist das andere"
Hans Koschnick: Ein Drittel der Flüchtlinge kann wieder zurück

IDAR-OBERSTEIN. TS. Selbstironisch und auch mal humorvoll informierte der ehemalige EU-Administrator in Mostar, Hans Koschnick, rund 150 vor allem junge Zuhörer in der Aula des Gymnasiums Heinzenwies über die Lage in Bosnien.Auf Einladung des Kulturvereins "Die Schnecke" sprach Koschnick im Rahmen der "Woche der Geschwisterlichkeit" in Idar-Oberstein über seinen Auftrag in der Stadt Mostar, wieder eine gemeinsame Grundlage für das Zusammenleben von Kroaten, Muslimen und Serben zu schaffen. Ausgangspunkt für Koschnicks Mission waren die grausamen Übergriffe auf Frauen und Kinder, die Vertreibung von alten Menschen und die Verschleppung der jungen Männer in sogenannte "Camps", die Konzentrationslager.
Mostar ist eine Stadt, in der fast alle Kulturstätten, Gotteshäuser und mehr als die Hälfte der Wohnungen zerstört und die Hälfte der Einwohner geflohen, vertrieben und verjagt worden waren.
Koschnick berichtete, daß es auf dem Balkan sehr schwer sei, sich auf Verträge zu berufen. "Verträge sind das eine - das Leben ist das andere - wir wählen das Leben", habe er immer wieder gehört. Außerdem würden Kompromisse oft als Zeichen von Schwäche ausgelegt. Es bestehe eine große Diskrepanz zwischen denen, die die Verträge unterschrieben und jenen, die in untergeordneten Bereichen das Sagen haben. "Darum hat ein Teil des Vertrages von Dayton bis jetzt nicht funktioniert." Denn weite Teile der Rechtsprechung und der Polizei würden immer noch von "Aufwieglern und Brandstiftern" dominiert.

Nachbarn dagegen
Hans Koschnick ist der Meinung, daß etwa ein Drittel der Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückkehren könne, dorthin wo der Bevölkerungsanteil, zu dem sie gehören, die Mehrheit hat. Bei der Rückführung der Flüchtlinge, so Koschnick, sollte man sich nicht auf Verträge berufen, sondern sich vor Ort informieren. Denn vielfach könnten Familien nicht zurückkehren, weil sie von ihren Nachbarn nicht geduldet würden.
Ein friedliches Zusammenleben könne auf dem Balkan erst wieder funktionieren, wenn die "Aufwiegler und Brandstifter" keine Chance mehr haben. Darum plädiert Koschnick dafür, nur diejenigen zu unterstützen, die "guten Willens sind und das Land vorwärtsbringen wollen". Er fordert die konsequente Durchführung der Maxime "Keine Hilfe ohne Gegenhilfe", abgesehen von elementar humanitärer Hilfe. Wo Menschen heimkehren können, sei eine finanzielle Hilfe angebracht. Bürgermeister, die dies vereiteln, sollten "keinen Groschen bekommen".
Als problematisch für eine dauerhafte Friedensentwicklung betrachtet er unter anderem die große Diskrepanz zwischen Stadt und Land. Auf dem Land, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt, ist Leben und Erziehung sehr von der Großfamilie geprägt und von Vorurteilen. Die Menschen seien ausgesprochen "führungsgläubig". Es komme deshalb darauf an, die Führungskräfte auf allen Ebenen für den Friedensprozeß zu gewinnen. Denn nur etwa zehn Prozent der Menschen können sich ein Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungs- und Religionsgruppen nicht mehr vorstellen.
Anschließend stand Hans Koschnick, der vor wenigen Tagen mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet wurde, für Fragen und Diskussion zur Verfügung.
Durch Eintrittsgelder und den Verkauf von signierten Plakaten kamen 1000 Mark zusammen, die, so Axel Redmer, für ein Ausbildungsprojekt zur Qualifizierung von Frauen in Bosnien zur Verfügung gestellt werden.