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"Die Absonderung"
Lesung mit Georges-Arthur Goldschmidt,
der als profilierter Vertreter der französischen
Gegenwartsliteratur gilt
28.04.1998, 20.00 Uhr
Idar-Oberstein, Badischer Hof

Nahe-Zeitung, 30.04.1998
Landschaften der Angst "gemalt"
Ein Sprach-Wanderer zwischen zwei Welten: Georges-Arthur Goldschmidt las vor wenig Publikum

Nur einen kleinen Kreis von Literaturinteressierten konnte der Vorsitzende des Kulturvereins "Die Schnecke", Axel Redmer, im Badischen Hof begrüßen. Schade. Denn mit dem 70jährigen Deutsch-Franzosen Georges-Arthur Goldschmidt war ein Autor anwesend, der besonderes Format aufweist.Von Eiko Donay

IDAR-OBERSTEIN. Eigens aus Paris angereist, ist Georges-Arthur Goldschmidt, der von 1938 bis 1944 als jüdisches Kind in einem Heim in den französischen Alpen versteckt gehalten wurde, einer der wenigen Autoren, die in zwei Sprachen schreiben. Er hat Nietzsche, Kafka, Handke übersetzt, besitzt besondere Sensibilität für die deutsche und französische Sprache.
Zwei markante Kapitel aus seiner 1991 verfaßten Erzählung "Die Absonderung" trug Goldschmidt vor. Thema des - von ihm mit kaum wahrnehmbarer französischer Intonation - gelesenen Ausschnitts ist sein Heimaufenthalt und die gelungene Flucht, als die deutschen Besatzungssoldaten auch die (vorher von italienischen Truppen besetzten) Alpendörfer nach "jüdischen Schützlingen" durchkämmen.
Goldschmidts stilistische Besonderheiten: Verschiedene Wahrnehmungsebenen gehen ineinander über. Ausführlich beschriebene Landschaften ("Augenwanderungen") spiegeln die Furcht des Kindes wider ("Landschaften der Angst"), gleichzeitig aber sind sie "Landschaften des Friedens", die den Jungen schützen und bergen.
Die Vermutung einiger Zuhörer, denen die farben- und formenintensive Landschaftsdarstellung aufgefallen war, bestätigte sich: Ursprünglich hatte Goldschmidt Maler werden wollen. . .
Wie es möglich gewesen sei, daß sein Deutsch trotz jahrzehntelangem Aufenthalt in Frankreich modernes, "aktuelles" Deutsch geblieben sei? Er habe - so Goldschmidt - gegen das Deutsche keine Abneigung entwickeln müssen: "Mein Deutsch ist heil geblieben." Er sei zwar aus seinem Kindheitsparadies 1938 herausgerissen worden, aber er habe nie die Deutschen mit den Nazis verwechselt. Er habe damals zwar "entsetzliche Angst" erlebt, aber: "Noch heute habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich daran denke, wie privilegiert ich in diesem wunderbaren Gebirgsdorf war."
Wann er die französische, wann die deutsche Sprache benutze? Manchmal zähle er französisch, manchmal deutsch. Er wisse nicht, in welcher Sprache er träume: "Ich erinnere mich an überhaupt keine Sprache in meinen Träumen."
Er habe sich in Frankreich sofort heimisch gefühlt. Er hat eine französische Frau und besitzt den französischen Paß. Dennoch sei er Deutscher und Franzose zugleich: "Das ist für mich kein Widerspruch." Bearbeiten will Goldschmidt die Thematik trotzdem: "Ich will darüber noch schreiben."