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"Ihr sollt die Wahrheit erben.
Breslau - Auschwitz - Bergen-Belsen"
Lesung und Diskusion mit Anita Lasker-Wallfisch,
die dem legendären Mädchenorchester von Auschwitz angehörte
08.11.1999, 20.00 Uhr
Idar-Oberstein, Heinzenwies-Gymnasium 

Nahe-Zeitung, 15.10.1999
Die Cellistin Anita Lasker-Wallfisch verdankt ihr Leben ihrer Begabung - Sie gehörte zum Lagerorchester des KZ Auschwitz und sprach nun zum Gedenken an die Pogromnacht
"Träumerei" für Mengele

Wie wichtig es sei, dass Nachgeborene von Zeitzeugen Authentisches über die Nazi-Barbarei erfahren, hob der Vorsitzende der "Schnecke", MdL Axel Redmer, in seinen Begrüßungworten zu einem Abend im Heinzenwies-Gymnasium hervor, der aus Anlass des Gedenkens an die "Reichspogromnacht" von 1938 den antijüdischen Terror des Naziregimes in Erinnerung brachte.
Von Arnold Pfeiffer

IDAR-OBERSTEIN. Anita Lasker-Wallfisch, geboren in Breslau und seit Jahrzehnten als Cellistin des English Chamber Orchestra in England lebend, ist nicht nur Zeitzeugin, sondern auch Leidzeugin des Nazi-Terrorregimes. Im Heinzenwies-Gymnasium berichtete sie davon aus Anlass des Gedenkens an die Reichspogromnacht.
Da ist - in ihrer Erinnerung - der Vater, der als Breslauer Rechtsanwalt niemals "den Deutschen" einen solchen Rückfall in die Barbarei zugetraut hätte. Der Vater, der im Moment des endgültigen Abschieds sich mit dem Psalmwort tröstete: "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen von wannen mir Hilfe kommt."
"Frau Lasker"
Da ist die Großmutter, die - die neue Situation der völligen Entrechtung nicht begreifend - sich vom SS-Posten als "Lasker" aufgerufen hört und auf würdige Weise den Mann korrigiert: "Frau Lasker".
Und da sind schließlich die beiden Schwestern Lasker, Anita und Renate (später die Frau des Publizisten Klaus Happrecht), die die Lager Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen durchleiden.
Das Leben von Anita Lasker wird dadurch gerettet, dass im "Lagerorchester" eine Cellistin gebraucht wird. Sie widmet sich intensiv der musikalischen Arbeit, die, von der Wiener Musikerin Alma Rosé geleitet, hohen Rang und Qualität erreicht.
Musik in Auschwitz - das hieß, dass die Musikerinnen sich jeden Morgen und jeden Abend am Haupteingang aufzustellen und den Einmarsch von Tausenden von Häftlingen musikalisch zu "begleiten" hatten. Als "Sondervorstellung" ließ sich der berüchtigte Lagerarzt Mengele von Anita Lasker die "Träumerei" von Schumann spielen.
Im Ausmalen erlebter Grausamkeiten ist Anita Lasker-Wallfisch (wie viele andere KZ-Opfer auch) eher sparsam. Hingegen hebt sie mit Entschiedenheit den geistigen Widerstandswillen im Frauenorchester und auch die energische Persönlichkeit von Alma Rosé hervor. Abweichende Darstellungen (etwa in einem US-Film) seien Verfälschung, betont sie.
Eine Justiz, die wie die britische von der Unschuld der Angeklagten ausgeht und alle Beweise den Anklägern auferlegt, müsse, so Anita Lasker-Wallfisch, gegenüber den von ihr erlebten Verbrechen in Verlegenheit geraten. Es sei wichtig, die Einmaligkeit des Holocaust, des organisierten Judenmordes stets im Sinn zu behalten.

Für die Enkel
Wie sie ihren Lebens- und Leidensbericht zuerst für ihre Kinder und Enkel verfasst hat, so liegt ihr auch in Deutschland (dessen Sprache sie nach all den Ereignissen jetzt wieder zu sprechen beginnt) daran, jungen Menschen zu einer humanen Lebenshaltung zu helfen.
Dass zur tiefbewegten Zuhörerschar im Heinzenwies-Gymnasium zahlreiche Jugendliche gehörten, kann als ein Hoffnungssignal in dieser Richtung verstanden werden. So konnte Axel Redmer der Referentin und Leidzeugin für einen Abend danken, der über "Information" hinaus so etwas wie Lebensweisung enthielt.