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Lesung mit Alissa Walser

Lesung mit Alissa Walser
Dienstag, 14.10.2014, 20 Uhr,
Heinzenwies-Gymnasium Idar-Oberstein

Wortkunst beeindruckte Zuhörer
Lesung Alissa Walser las im Gymnasium
Von unserer Mitarbeiterin Ilona Brombacher

M Idar-Oberstein. Sie strömte eine kühle, aber nicht unsympathische Distanz aus. Fast zerbrechlich und schüchtern wirkte die Autorin Alissa Walser, während sie an dem kleinen Tisch vor der Bühne im Atrium des Heinzenwies-Gymnasiums der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Kulturvereins Die Schnecke, Axel Redmer, lauschte. Dieser wiederum wollte seine Hochachtung vor der preisgekrönten Schriftstellerin, Malerin und Übersetzerin nicht herunterspielen, wobei er sich jedoch recht kurz in seinen Ausführungen hielt, um der Wortkunst der vielseitigen Künstlerin den angemessenen Raum für ihre Lesung mit anschließendem Publikumsgespräch zu geben.
Man merkte ihr an, dass sie als eine von vier Töchtern ihres berühmten Vaters Martin Walser auch beim heutigen Lesepublikum stets mit diesem in Verbindung gebracht wird. Um bereits im Vorfeld der Lesung aus ihrem 2010 erschienen Romandebüt „Am Anfang war die Nacht Musik“ ihren Stand dazu zu markieren, las sie zunächst aus ihrem Text „Was genommen wurde“, quasi als Rückblick auf die Entstehungsgeschichte des Romans. Für ihr schriftstellerisches Schaffen, erfährt der geneigte Zuhörer, sei der „Zettelkasten so wichtig wie mein Computer“. Er beinhalte all die Recherchenotizen und notierten Gedankenfetzen, die sie vor dem bewahrten, das sie schwer ertragen könne: die Leere. Auch erfährt man von den autobiografischen Bezügen, die sich unschwer in ihrem Roman finden lassen, wie dem zweiten Klavier in ihrem Leben und dem „mesmerizing“, das sich in ihrer Kunst widerspiegelte.
Ja, Mesmer, dieser Wiener Arzt und Wissenschaftler Franz Anton Mesmer, der 1778 wegen seiner skandalerregenden Heilungsmethoden mithilfe von Magneten der „Scharlatanerie“ beschuldigt und aus der Stadt getrieben worden war, begleite die Künstlerin Walser bereits seit vielen Jahren, auch gespeist von ihrem Interesse an der Medizingeschichte. Als sie dann auf diese Historie des Mesmer'schen Heilungsversuchs an der blinden Sängerin und Pianistin Maria Theresia Paradis stieß, erklärte Walser später, habe sie festgestellt, wie viele ihrer eigenen, ganz persönlichen Themen diese Geschichte beinhaltete und damit den Stoff für einen Roman bot.
Die Auszüge des Romans, die Alissa Walser in eindringlicher Weise, glasklar und deutlich vorlas, ließen den Hörer gewahr werden, worum es ihr ging: Einerseits um die Begegnung der beiden Protagonisten Mesmer und Paradis, und „um das Scheitern des Gefühls am System des Verstands“ sowie vor allem um das, „was nicht übersetzt werden konnte: das Stumme.“ Letztlich ginge es um das, was nicht zu erklären sei. Wie Walser es den Arzt Mesmer im Roman formulieren lässt, will wohl auch die Autorin mit dieser Geschichte „eine kleine Demonstration wagen als Antwort auf alle offenen Fragen“. Denn, so endete die Lesung mit der Aussage des Vaters der Patientin Paradis: „Er sehe, was er sehe, und auch wenn, was er sehe, nicht sein könne, sich selbst müsse er doch glauben.“ Keine unwesentliche Rolle spiele in ihrem Roman, in dem sie ausnahmslos per indirekter Rede erzählt, natürlich die Vater-Tochter-Beziehung. Allerdings mit dem Schwerpunkt auf die (Un-)Möglichkeiten der Frauen im 18. Jahrhundert, überhaupt einen Beruf zu ergreifen; die historischen Details habe sie nicht er-, sondern gefunden, betonte die Autorin im gut einstündigen Publikumsgespräch.
Christine Werle von der Buchhandlung Schulz-Ebrecht, die neben der Paperbackausgabe des Walser-Romans auch die kleinere, sehr handliche und schöne Sonderausgabe zum Verkauf anbot, lobte den Lesevortrag selbst als den besten Vortrag, den sie bisher gehört habe, was eine andere Zuhörerin schwärmend bestätigte: „Außergewöhnlich gut gelesen!“
Nahe Zeitung vom Samstag, 18. Oktober 2014