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Lesung und Diskussion mit Theodor Michael

Lesung und Diskussion mit Theodor Michael: „Deutsch sein und schwarz dazu. Erinnerungen eines Afro-Deutschen“
Dienstag, 02.06.15, 19 Uhr, Mensa des Göttenbach-Gymnasiums in
Idar-Oberstein/Weierbach

Vom Kind im Bastrock zum BND-Agenten
Lesung Theodor Michael erzählt, wie er als dunkelhäutiger Junge unter den Nazis aufwuchs

Von unserer Reporterin Silke Bauer

Idar-Oberstein. In einer seiner frühesten Kindheitserinnerungen steht Theodor Michael mit einem Baströckchen bekleidet in einem Zirkuszelt und wird von wildfremden Menschen begafft, angefasst und beschnuppert. Der Grund: Der Junge ist schwarz und gehört zum Tross einer Völkerschau, wie es sie in den Zeit zwischen den Weltkriegen in fast jedem Zirkus gab.
Mehr als acht Jahrzehnte später liest der inzwischen 90-Jährige auf Einladung des Kulturvereins „Die Schnecke“ in der Bibliothek des Göttenbach-Gymnasiums aus seinem Bestseller „Deutsch sein und schwarz dazu“. Ehefrau Gertraud unterstützt ihren Mann, indem sie – zum besseren Verständnis der Zuhörer – zwischen den vorgetragenen Textpassagen wichtige Stationen seiner Biografie vorträgt.
Schnell wird klar: Der Senior blickt auf ein bewegtes Leben zurück: 1925 kommt er als viertes und jüngstes Kind einer Preußin und eines Kolonialmigranten aus Kamerun in Berlin zur Welt. Ein Jahr nach seiner Geburt stirbt die Mutter, eine Zeit lang tingeln die Halbwaisen und ihr Vater mit einem Zirkus durch die Lande – bis das Jugendamt dem Wanderleben Einhalt gebietet und die Kinder bei diversen Pflegeeltern unterbringt. Als Theodor neun Jahre alt ist, stirbt auch der Vater, inzwischen sind die Nazis schon an der Macht. Doch trotz seiner dunklen Hautfarbe ist der Junge beliebt, sowohl bei den Mitschülern, als auch bei den Lehrern. Seine Schulleistungen sind sehr gut, und so kommt es, dass Theodor aufs Gymnasium wechselt.
Schüler gilt plötzlich als artfremd
Doch auf einmal ändert sich alles: „Eines Tages passte mich der Direktor auf dem Weg zum Klassenzimmer ab“, liest Theodor Michael, „bat mich in sein Büro und eröffnete mir, dass er – leider – durch neue Verordnungen gezwungen sei, mich aus dem Gymnasium zu entlassen. Das habe nichts mit meinen schulischen Leistungen zu tun, die seien in Ordnung, sondern eben mit der ,neuen Zeit'.“ Theodor geht zurück in die Volksschule, nach dem Abschluss sucht er eine Lehrstelle – vergeblich. Schließlich findet er Arbeit als Page im Hotel Excelsior, wird allerdings schon nach kurzer Zeit entlassen, „weil er durch seinen negroiden Einschlag zu artfremd geworden ist“ – so heißt es in einem amtlichen Schreiben. Nach seiner Entlassung übt der junge Mann diverse Gelegenheitsjobs aus, unter anderem arbeitet er als Komparse beim Film, wo immer wieder Schwarze als „Exoten“ gebraucht werden. 1943 ist es damit ebenfalls vorbei: Theodor Michael kommt in ein Arbeitslager, wo er auch die Befreiung erlebt. Nach dem Krieg gründet er eine Familie mit einer jungen Schlesierin, ist als Dolmetscher und Schauspieler tätig, studiert auf dem zweiten Bildungsweg Volkswirtschaft und entwickelt sich zu einem anerkannten Afrikaspezialisten. Als solcher wird er schließlich vom BND angeworben. Nach seiner Pensionierung tritt er erneut als Schauspieler auf, engagiert sich in der afrikanisch-deutschen Gemeinschaft und heiratet seine zweite Frau Gertraud.
Aufruf für eine offene Gesellschaft
Nach der Lesung gibt es die Möglichkeit, sich Theodor Michaels Buch signieren zu lassen. Der Bücherstapel auf dem Verkaufstisch der Buchhandlung Schulz-Ebrecht ist in Windeseile vergriffen, es bildet sich eine lange Schlange am Lesetisch des Autors, der jedem geduldig eine persönliche Widmung ins Buch schreibt.
Anschließend gibt es eine Fragerunde. Wie er auf die Idee gekommen sei, seine Memoiren zu veröffentlichen, fragt einer der Zuhörer den 90-Jährigen. Seine Kinder und Enkel sowie sein Freund Hans-Jürgen Massaquoi, der Autor des Bestsellers „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ hätten ihn dazu gedrängt, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, erzählt Michael.
Zum Schluss hat er noch einen Ratschlag für seine Landsleute parat: „Man braucht keine Angst vor Fremden zu haben, denn sie bringen neue Gedanken und frischen Wind in eine Gesellschaft. Öffnen Sie Ihre Herzen und Häuser für alles, was fremd ist.“

Nahe Zeitung vom Donnerstag, 11. Juni 2015