Rückblick 2010-2017
  Aktuelles (2018)     Rückblick 1981-1989     Rückblick 1990-1999     Rückblick 2000-2009     Die Schnecke in der Presse     Vorverkauf     Mitglied werden     Rückblick     Impressum  
Veranstaltungen 2010
Veranstaltungen 2011
Laukhard-Predigt von Rupert Neudeck
Lesung mit Ingo Schulze
Jazzkonzert mit Emil Mangelsdorff
Nachruf auf Kurt Vittinghoff
Veranstaltungen 2012
Veranstaltungen 2013
Veranstaltungen 2014
Veranstaltungen 2015
Veranstaltungen 2016
Veranstaltungen 2017
Allgemein:
Startseite

Lesung mit Ingo Schulze

Lesung mit Ingo Schulze
Montag, 30.05.2011, 20 Uhr,
Bibliothek des Göttenbach-Gymnnasiums, Idar-Oberstein



Nahe Zeitung, 3. Juni 2011
In der Provinz die Welt entdeckt
Lesung Autor Ingo Schulze war zu Gast im Göttenbach-Gymnasium

Von unserer Mitarbeiterin Miriam Kösterkamp

M Idar-Oberstein. Autor Ingo Schulze, aktueller Mainzer Stadtschreiber, las und diskutierte auf Einladung des Kulturvereins „Die Schnecke“ vor einem Publikum von rund 40 Interessierten im Göttenbach-Gymnasium.

Der Geschichtenerzähler begann den Abend mit seinem Essay „Damals in der Provinz“ (1990) aus seiner Sammlung „Was wollen wir?“. Die Erzählung beschreibt eine Autofahrt durch die ehemalige DDR und geht näher auf den Bücherkauf von „damals“ ein. „Was in Dresden oder Leipzig gar nicht erst in der Auslage erschien oder noch am selben Tag ausverkauft war, dämmerte in kleineren Orten oft einige Tage, mitunter unfassbare Wochen, unentdeckt vor sich hin. In der Provinz geschahen die Wunder.“ Der Ich-Erzähler ist ernüchtert: Solche Schätze finden sich dort jetzt nicht mehr. „Besonders gefällt mir diese wunderbare Ironie, dass man in der Provinz die Welt entdecken konnte“, äußerte eine Zuhörerin.

Schulze fuhr mit einem Ausschnitt aus seinem Briefroman „Neue Leben“ (2005) fort. Auch in diesem Werk geht es um einen Menschen aus der DDR, etwa zur Zeit der Wende. Ein Autor, der seine eigenen Erinnerungen für seine Novelle ausgeschlachtet hat und davon träumt, als Dissident in den Westen verbannt zu werden, sieht seine Welt mit dem Mauerfall zusammenbrechen. „Es ist schwierig, über den Osten zu schreiben, ohne dabei in ein vom Kalten Krieg geprägtes Muster zu verfallen. Ich habe daher versucht, über jemanden zu schreiben, der versucht, darüber zu schreiben“, erklärte Schulze schmunzelnd. Eine solche, oft kulturelle Ebene, die unter das Alltagsleben geschoben wird, ist typisch für den Schriftsteller: „So habe ich Ideen, auf die ich sonst nicht gekommen wäre.“

Auch aus seinem neuesten Werk „Orangen und Engel: Italienische Skizzen“ (2010) wurden zwei der neun Erzählungen vorgetragen. Diese beruhen auf Erfahrungen aus seiner Zeit als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom. „Señor Candyman“ beschreibt eine Begegnung im Park, „Zu Gast“ eine Einladung zum Essen. Alltagserlebnisse, die sich in den Worten Schulzes in unterhaltsame, vielschichtige Geschichten verwandeln. Zuletzt las der Stadtschreiber „Unsere Füße“, ein Essay über einen Onkel, der eigentlich gar kein Onkel ist und dessen schlimmste Kriegserlebnisse die blanken Füße der Leichen im Lazarett darstellen.

In der Publikumsdiskussion blieb Schulze wie in seinen Schriften vielschichtig und verlor bei seinen klaren Antworten auf Fragen über Gott, die Welt und das Schreiben nie seinen Sinn für Humor.