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Literarisch-musikalischer Abend mit Thekla Carola

Literarisch-musikalischer Abend mit Thekla Carola Wied
04.12.2016, 20 Uhr, Göttenbach-Aula Idar-Oberstein

Sprachgewalt trifft auf Musik
Thekla Carola Wied stimmt aufs Fest ein

Von unserer Mitarbeiterin Ilona Brombacher

Idar-Oberstein. Da hatte der Kulturverein Die Schnecke mal wieder einen ganz besonderen kulturellen Leckerbissen in die Edelsteinstadt eingeladen: Thekla Carola Wied gastierte mit ihrer „Weihnachtlichen Lesung mit Musik“ in der Göttenbach-Aula und lockte viele eingefleischte Fans zu einem wahrhaft besinnlich-heiteren Abend. Die 200 aufgestellten Stühle reichten nicht, es mussten noch etliche weitere herbeigeschafft werden.

Viel mehr als einen samtbedeckten Tisch mit einem Weihnachtsstern im Topf im vorderen Zentrum der Bühne brauchte die bescheidene, sprachgewaltige Künstlerin nicht, um ausgewählte Briefe und Texte deutscher Dichter aus drei Jahrhunderten darzubieten. Um den Lesetisch herum halbkreisförmig angeordnet die Barhocker links und rechts mit den Notenständern und der Flügel für das grandiose Crossover-Trio Manuel Munzlinger und Oboe in Jazz, der musikalischen Überraschung des Abends.

Herzlicher Begrüßungsapplaus empfing die Musiker, die den Leseabend mit ihrer feinen Version des berühmten Bach'schen Eingangschores aus dem Weihnachtsoratorium eröffneten. Der Beifall für diesen Auftakt ging alsdann über in einen großen Willkommensapplaus für die „waschechte Berlinerin aus Breslau“: Thekla Carola Wied. Kurz und knapp, aber deutlich sprach die Schauspielerin zu Beginn die „schwierige Weltsituation“ an, von der man sich jedoch nicht entmutigen lassen sollte. Vielmehr gelte es, sich sich zu dieser vorweihnachtlichen Zeit auf das Wesentliche zu besinnen, ohne auf ein Schmunzeln zu verzichten. So passte schon der erste Text „Die Predigt“ von Robert Gernhardt, der unsere Wertschätzungen humorvoll infrage stellte, punktgenau. Auf Heinrich Heines „Die Heiligen drei Könige“ folgte die eindringliche Kurzgeschichte „Die drei dunklen Könige“ des 1947 sehr jung verstorbenen Wolfgang Borchert, dessen Sprachkunst durch Wieds Vortrag zu voller Geltung gelangte.

Nach einem wunderbaren musikalischen Zwischenspiel der Crossover-Jazzer präsentierte die erfrischend jung gebliebene 72-Jährige Briefe von Heine an seinen Freund Moser und von Theodor Fontane an dessen Freund Friedrich Witte, die beide interessante Einblicke gaben in die Befindlichkeiten großer Dichter im Vorweihnachtsstress. Wunderbar witzig auch der „Weihnachtsschmaus“ von George Tabori, der davon erzählt, wie Armut und Hunger einen auch Papier essen lassen.

Nach einer weiteren Glanznummer der Bach-Munzlinger-Kompositionen durften die Zuhörer teilhaben an den vorweihnachtlichen Sorgen des großen Theodor Storm, die an seinen Sohn adressiert sind. Zwischen Rainer Maria Rilkes „Advent“ und Siegfried Lenz‘ herrlichem „Risiko für Weihnachtsmänner“ gab es ein paar Unsicherheiten im Programmablauf, was Thekla Carola Wied jedoch mit entsprechendem Humor bereinigte: „Das ist live.“ Und an die Musiker gerichtet, flehte sie lächelnd: „Spielt bitte! Spielt!“ Was sie auch taten: Einfach nur schön klangen die Melodien von „Gabriel’s Oboe“ von Ennio Morricone, bevor Friedrich Nitzsches „Vereinsamt“ nach musikalischer Aufmunterung verlangte, die dann auch prompt auf großartige Weise geliefert wurde mit „Schließe mein Herze“ aus dem Weihnachtsoratorium.

Nach derart tollen Auftritten war der große Begrüßungsbeifall nach der Pause mehr als verdient. Im zweiten Teil des Programms belebte die Schauspielerin mit Berliner Dialekt die einzigartige Literatur Kurt Tucholskys und eines weniger bekannten Paul Lindenberg als auch die eines Salomon Friedländers, der bei den Zuhörern herzhaftes Lachen bewirkte.

Martin Suters beißfreudiger Humor kam ebenfalls bestens an, und mit Karl Heinrich Waggerls „Worüber das Christkind lächeln musste“ sandte die sympathische Schauspielerin die Gäste mit einem Lächeln nach Hause, denn es gelte „nicht nur zu meckern“, sondern eben auch, „sich zu erfreuen“. Woran? Na, an Weihnachten natürlich.

Nahe Zeitung vom Dienstag, 6. Dezember 2016, Seite 16