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"Wie war das eigentlich ?"
Kindheit und Jugend im Dritten Reich
Lesung mit Max von der Grün
23.11.1981, 19.30 Uhr


Nahe-Zeitung
Erfolgreich, bekannt aber widerborstig!
Max v. der Grün las und diskutierte im Göttenbach-Gymnasium

Im Idarer Stadtkrug treffen sich Mitglieder und Freunde des Kulturvereins „Die Schnecke“ mit dem Schriftsteller Max von der Grün zum gemeinsamen Abendessen.
Dem Gast wird zugetragen: Ein Deutschlehrer eines hiesigen Gymnasiums habe über Max von der Grün Im Unterricht nicht sprechen wollen, nachdem er erfahren habe, wer zur Autorenlesung eingeladen hat: „Die Schnecke" nämlich, „Forum Kultur und Gesellschaft", im Paragraph 2 ihrer Satzung sich zu den Grundlagen des freiheitlichen und demokratischen Sozialismus bekennend. Darauf Max von der Grün unbekümmert pauschalierend: „Es ist nun mal so: Die guten Germanisten werden Lektoren, die Schwachköpfe werden Deutschlehrer."
Ein Deutschlehrer begleitet den Autor zum Göttenbach-Gymnasium, dem Ort der Lesung, zeigt Ihm den Weg.
Am Nummernschild (DO...) entzündet sich ein kurzes Gespräch über Borussia Dortmund, das Westfalenstadion. Tja und dann die Kneipen im Ruhrgebiet: Das sind Stätten der Begegnung, die Kneipe ist nun mal ein echt demokratischer Ort." „Eine demokratische Gesellschaft vorausgesetzt, in der alle den aufrechten Gang gelernt haben." -Ja. darauf kommt's an." „So, gleich sind wir da. pass auf, da vorne scharf rechts-" „Da musst du draufdrücken, alles ist heute genormt, nur die Autotüren nicht." Max von der Grün liest. Schnell, schwungvoll, deutlich, präzise, scharf, wo ihm Schärfe geboten erscheint. Max von der Grün liest aus seinem Buch: „Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich", dessen Schluss lautet:
„Leider gibt es diese Unbelehrbaren immer noch und schon wieder. Ich fürchte, sie haben sich nie informiert oder sie wollten sich nicht informieren lassen. Über alte und neue rechtsradikale und neofaschistische Kräfte liest man heute beinahe wieder jeden Tag in den Zeitungen. Viele nehmen das nicht so ernst weil es, wie sie meinen, nur eine kleine verschwindende Mehrheit sei.
Aber Hitler hat auch nur mit lieben Leuten angefangen." 173 Menschen - ob wohl Rechtsradikale darunter sind? -hören zu.
Was antworten Schriftsteller auf die unumgängliche Frage: Warum schreiben Sie?
Max von der Grün flüchtet sich nicht in die Ironie (Diese Frage kommt für mich dermaßen überraschend ...), er ist (oder gibt sich) ungehalten: „Wissen Sie, diese Frage hat mir mal einer in Koblenz gestellt, und da hab ich die Gegenfrage gestellt: „Warum sch... Sie?"
Überhaupt stellt Max von der Grün gern Gegenfragen, vor allem, so hat man den Eindruck, wenn ihn die Fragen ärgern.
So bleibt es nicht aus, dass er sich den milden Tadel einer Bürgerin einhandelt, die meint, vor allem ungeübten Jugendlichen Fragern dürfte man nicht derart schroff begegnen.
Ein Schüler glaubt, den Schriftsteller bei einem Widerspruch ertappt zu haben; Man kann doch nicht auf der einen Seite sagen, Amtsinhaber und Würdenträger sind dumm und auf der anderen Seite von ihnen mehr Einsicht, Charakter und Rückgrat verlangen als von anderen!
„Diese merkwürdige Auffassung von Gleichheit" missfällt Max von der Grün ganz und gar. Unerbitterlich besteht er darauf, gerade und vor allem kirchliche Würdenträger müssten es sich gefallen lassen, mit der Elle der Bergpredigt gemessen zu werden.
Ob er sich als Arbeiterdichter verstehe, wird er gefragt; für den Autor Gelegenheit, sich über die „typisch deutsche" Einordnungssucht auszulassen. Verständlich tu schreiben, darauf komme es ihm an, das habe er von amerikanischen Schriftstellern gelernt. „Ich bitt' Sie, den ,Butt´ von Gunter Grass zu lesen, ist doch für jeden nicht genügend vorinformierten Leser eine Qual. Und dann halten Sie einmal dagegen Hemingways „Der alte Mann und das Meer!“ Im übrigen gebe es lesende Arbeiter ebenso wie nichtlesende Akademiker. Und geradezu triumphierend verweist Max von der Grün darauf, dass es Ihm „endlich, endlich" gelungen sei, mit dem „Vorstadtkrokodilen“ ein Kinderbuch zu schreiben.
Gegen 22 Uhr ist Schluss - und keine einzige dieser allseits gefürchteten schrecklich gescheiten Germanistenfragen ist gestellt worden.
Die Veranstalter können zufrieden sein: Ein bekannter, erfolgreicher, engagierter und widerborstiger Schriftsteller ist an diesem Abend im Göttenbach-Gymnasium neugierigen und lernbereiten Lesern, Zuhörern und Debattanten begegnet
„Die Schnecke" hat sich zum Ziel gesetzt Literatur und Kunst zu demokratisieren. Im Schneckentempo.
Werner Schäfer