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"Freiheit West!"
Kabarettabend mit Richard Rogler
16.03.2001, 20.00 Uhr 
Idar-Oberstein, Stadttheater 



Nahe-Zeitung, 19.03.2001
Der Verlierertyp rollt Rollmöpse
Richard Rogler beweist, dass das deutsche Kabarett auch nach Kohl noch lebensfähig ist - Buhrufe nach Minuten

Eine feucht-fröhliche Nacht in der Kölner Medienszene ist für Richard Rogler Vehikel, um seine bissige Sozialkritik in eine turbulente Spielhandlung einzubinden. Fast 400 Gäste des Kulturforums "Die Schnecke" konnten im Stadttheater aufatmen: Das deutsche Kabarett wird auch im Zeitalter nach Kohl weiter leben.

IDAR-OBERSTEIN. Schon nach wenigen Minuten erntet Richard Rogler die ersten Buhrufe. Ein Missverständnis, klar, ein eingeplantes: Das Publikum brauche keine Bedenken zu haben, "das Programm ist relativ kundenfreundlich." Er wisse ja, wie das ist, die Herren würden eigentlich viel lieber daheim sitzen und eine Pizza kommen lassen. Aber nun sei man eben der Gattin ins Theater gefolgt. Aber: "Es gibt eine Pause, da hat man was, auf das man sich freuen kann." Wenn jemand im Publikum nicht mitkomme, solle er die Hand heben - "ich bin da flexibel." Und: Er habe sein Programm auf das intellektuelle Niveau Idar-Obersteins - Kunstpause, einsetzende Missfallensbekundungen - "angehoben"
Rogler ist ein Malocher: Schweißüberströmt hetzt er über die Bühne, pausen-, ja fast atemlos reiht er Pointe an Pointe. "Freiheit West" ist kein übliches Kabarettprogramm, sondern eher Ein-Personen-Theater, ein ziemlich absurdes dazu. Kabarett ist in Zeiten von Schröder und Fischer schwierig geworden - sagt Rogler. "Ich muss jeden Tag den Müntefering anrufen und fragen, wie der Schröder das nun wieder gemeint hat" Das sei beim "Dicken" doch anders gewesen.

Derrick regelt alles
Die politische Wende hält den dreifachen Deutschen Kleinkunstpreisträger natürlich nicht davon ab, die Regierenden durch den Kakao zu ziehen: die SPD ("Die Partei des zweiten Bildungswegs, die seit Friedrich Ebert ihrem Motto treu geblieben ist - Wie machen wir es, ohne es tun zu müssen?"), den Außenminister ("Der würde am liebsten einen Aufkleber auf den deutschen Panzern anbringen lassen: Schießen gefährdet Ihre Gesundheit"), den Verteidigungsminister ("Schröder lässt den Rudolf doch nur nicht zum BSE-Test, weil er Angst hat, das Kabinett fällt unter die Kohortenregelung") Böse, böse - aber die Union, der eigentliche Klassenfeind, kriegt natürlich auch ihr Fett weg.
Roglers Lieblings-Verlierertyp Camphausen erlebt eine turbulente Nacht in Deutschlands Medienhauptstadt Köln, lernt Stars und Sternchen kennen, rollt eigenhändig Rollmöpse und bereitet die Speisung der Zehntausend auf der Kölner Domplatte vor, bis schließlich der leibhaftige Derrick wieder für Recht und Ordnung sorgt. Oder hat er alles nur geträumt? Kann der Zuschauer den Irrungen und Wirrungen überhaupt noch folgen? Egal: Die comic-hafte Spielhandlung ist eh nur Vehikel für die bissige Sozialkritik made by Rogler.
Der 51-Jährige seziert den Alltag in der Republik, dass manch einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Um die säuberlich getrennten Teile sofort wieder zu einem absurd-amüsanten Puzzle zusammen zu fügen. Die rund 400 Besucher erlebten einen höchst unterhaltsamen Kabarettabend und einen Richard Rogler in Hochform - von der Krise des Kabaretts bei ihm keine Spur.
Stefan Conradt