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"Nicht vom Brot allein. Leben in einer verletzbaren Welt."
Diskussionsabend mit Friedrich Schorlemmer
(Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1993)
08.10.2003, 20.00 Uhr
Heinzenwies-Gymnasium, Idar-Oberstein



Nahe Zeitung vom 10.10.2003
Gegen Profit und Quote
Friedrich Schorlemmer kritisierte den Werteverfall der modernen Welt

IDAR-OBERSTEIN. Lebendig, engagiert, häufig in geschliffenen Sentenzen, aktuell und durchaus unterhaltsam trug der Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer vor 60 Zuhörern in der Heinzenwies- Aula Thesen aus seinen Büchern "Nicht vom Brot allein" (2002) und "Den Frieden riskieren"(2003) vor. Als einen der produktivsten Publizisten Deutschlands bezeichnete Axel Redmer, Vorsitzender des einladenden Kultur-Vereins "Die Schnecke", den 59- jährigen Wittenberger Theologen, der in den 80er Jahren maßgeblich Anteil an der Herausbildung der oppositionellen Bürgerbewegung in der damaligen DDR hatte und der als Hauptgefahr der heutigen Gesellschaft den rapiden Verfall ethischer Werte zu Gunsten eines Prinzips der "pekuniären Verwertbarkeit" sieht.
Wie sind Freiheit und Gerechtigkeit miteinander vereinbar? Wie verletzlich ist die Demokratie, die - nach Schorlemmer - als einzige tendenziell in der Lage ist, diese beiden Werte zu wahren? Wie verletzlich sind die Menschen, in einer selber wiederum höchst verletzbaren Welt? In einem prägnanten, fast amüsanten "Rundumschlag" illustrierte Schorlemmer an aktuellen Ereignissen die Auswüchse einer Gesellschaft, der es nur auf "Profit", "Quote" oder "Publikumswirksamkeit" ankomme. Da werden weder Angela Merkel noch Dieter Bohlen geschont, weder Bush noch Schwarzenegger, weder Berlusconi noch die Ehefrau von Harald Juhnke. Schorlemmer geht auf die "MacDonaldisierung" der Welt ein, auf die Kriegsgrund- Lüge im Irak, auf die "Verblödung" durch Fernsehsendungen, die "Werbung mit ein bisschen Programm" zeigen...
"Haut und Seele des Menschen sind verletzlich in unserer verletzbaren Welt", sagt Schorlemmer. Was ist zu tun? Die Verletzlichkeit müsse respektiert, dem Leben müsse mit "Ehrfurcht" begegnet werden. "Wenn wir uns darauf verständigen, dass nicht alles gemacht wird, was machbar ist", dann sei dieses Ziel erreichbar.
"Wenn die Welt so bleibt, wie sie ist, wird sie nicht bleiben", warnt Schorlemmer. Er zitiert Brecht, seinen Lieblingsautor: "Sorgt, wenn ihr die Welt verlasset, dass ihr nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt." Er weiß um die Bedrohung des Wünschenswerten: "Für den Frieden mit Mitteln des Friedens einzutreten und Frieden mit Gegnern zu schließen, ist immer ein Risiko". Und er weiß, warum er Anti-Kommunist ist: "Weil der Kommunismus die sozialistischen Ideen in den Dreck gefahren hat."
Die Literatur im "Leseland DDR", Freiräume und Alternativen in einer Diktatur, die verharmlosende Ostalgie- Welle und die (noch bestehende?) Mauer in den Köpfen mancher Deutschen sind Themen der nachfolgenden Diskussion. Und Schorlemmer, trotz pessimistischer Erkenntnisse ungebrochen zuversichtlich, bekennt: "So wie wir heute Abend miteinander geredet haben, könnte ich nicht sagen, ob es im Osten oder Westen war." (ed)