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Lesung mit Hilde Domin
25.03.2003 , 20.00 Uhr
Birkenfeld, Schloss



Nahe-Zeitung, 27.03.2003
Kulturverein "Die Schnecke" hatte die Lyrikerin Hilde Domin ins Birkenfelder Schloss eingeladen: Gleichermaßen Dichterin wie Zeitzeugin
Ein gefrorener Augenblick
Hilde Domin erzählte von ihrem bewegten Leben: Die meisten Werke sind aus Kummer entstanden

Mit einer Lesung der wohl bedeutendsten deutschen Lyrikerin unserer Zeit begann der Kulturverein "Die Schnecke" sein Jahresprogramm. Im Saal des Birkenfelder Schlosses las die 93-jährige Hilde Domin aus ihren Werken und stellte einzelne Gedichte vor.

BIRKENFELD. Den Vorsitzenden des Kulturvereins, Landrat Axel Redmer, freute es, die gebürtige Kölnerin begrüßen zu dürfen. Ebenso zeigte er sich überrascht von der großen Anzahl der Zuhörer. Hilde Domin sei eine ganz besondere Frau, weil sie neben ihrer Dichtung zugleich als Zeitzeugin fungiere, äußerte sich Redmer über die Vertreterin der Exilliteratur. Viele ihrer Gedichte seien zum Allgemeingut in unserer Gesellschaft geworden - das Schönste, was einem Schriftsteller passieren könne. Zu Beginn der Vorlesung wies der neue Kreischef daraufhin hin, dass die Gedichte immer zwei Mal gelesen werden, um sie noch intensiver zu erleben.
Domin, die aus einer jüdischen Juristenfamilie stammt, gab dem Publikum eine Einsicht in ihren erstaunlichen Lebensweg, der sie einst auch schon mal an die Nahe geführt hatte: Mit fünf Jahren fuhr sie in Bad Kreuznach mit einem Ponywagen durch die Stadt. Genau aus diesem Grund war es für sie aufregend, nach all den Jahren wieder die Nahe zu sehen.
Als politisch sehr rege Frau erkannte sie bereits 1932 die Gefahr, die von den Nationalsozialsten ausgehen würde. "Ich habe Hitler kommen gesehen und meine Familie gezwungen zu gehen", bekannte sie. In weiser Voraussicht verließ sie im selben Jahr Deutschland und lebte bis 1939 mit ihrem Mann Walter Palm in Italien. Nach ihrem Aufenthalt in England, der nur über Beziehungen möglich gewesen war, emigrierte sie in die damals noch weitgehend unbekannte und verarmte Dominikanische Republik, wo sie Sprachunterricht erteilte und als Professorin der Universität Santo Domingo unterrichtete. Erst nach dem Tod ihrer Mutter 1951 begann sie, Lyrik zu schreiben. "Für einen Sprachhandwerker wie mich gibt es nach solch einem Begebnis nur drei Möglichkeiten: Die einen fangen an zu beten, manche gehen zum Psychiater, und die anderen beginnen Gedichte zu schreiben", bringt sie es auf den Punkt. Aus diesem Grund sind die meisten Gedichte aus Leid und Kummer heraus geschrieben.

Chance zur Selbstfindung
Eines ihrer bekanntesten Gedichte heißt "Abel steh' auf", in dem sie die biblische Tat von Kain einfach rückgängig macht und ihm eine zweite Chance gibt, "damit alles anders anfängt zwischen uns allen". Verwundert sagte Hilde Domin: "Ich habe es einfach rückgängig gemacht - und das empört die Leute." Auf die berechtigte Frage eines Gasts, ob denn Abel jemals aufstehen kann, erwiderte sie voller Hoffnung, sie glaube daran, dass die Völker eines Tages vernünftig werden und ihre Brüderlichkeit demonstrieren, was gerade in der aktuellen politischen Lage zu wünschen wäre. "Mein Gedicht ist nicht mein Messer", betont sie, sondern sei eine Chance zur Selbstfindung im positiven Sinne. Eine ihrer schönsten Definitionen für den Begriff Gedicht lautet: "Ein Gedicht ist ein gefrorener Augenblick, den jeder Leser für sich wieder ins Fließen, in sein Hier und Jetzt bringt." Der Frage aus dem Publikum, ob denn die Lyrik ein gutes Geschäft sei, erwiderte sie blitzschnell auf scharfsinnige und überzeugende Weise, dass für sie Dichtung und Liebe zweckfrei seien, was mit einem langen Applaus und beherztem Lachen honoriert wurde.
Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland 1954 hat sie wie kaum eine andere die Exilliteratur geprägt und ist mit ihren 93 Jahren noch immer ein Quell an Lebensfreude trotz der schrecklichen und hoffnungslosen Momente in ihrem Leben. Als kleines Dankeschön überreichte Axel Redmer der Autorin den Bildband des Schlosses Birkenfeld. Mit einer Büchersignierung endete die gelungene Veranstaltung. Sebastian Schug