Rückblick 2000-2009
  Aktuelles (2018)     Rückblick 1981-1989     Rückblick 1990-1999     Rückblick 2010-2017     Die Schnecke in der Presse     Vorverkauf     Mitglied werden     Rückblick     Impressum  
Veranstaltungen 2000
Veranstaltungen 2001
Veranstaltungen 2002
Veranstaltungen 2003
Veranstaltungen 2004
Veranstaltungen 2005
Diskussion mit Arno Lustiger
Lesung mit Wilhelm Genazino
Lesung mit Jacqueline van Maarsen
Kabarett mit Siggi Zimmerschied
Veranstaltungen 2006
Veranstaltungen 2007
Veranstaltungen 2008
Veranstaltungen 2009
Allgemein:
Startseite

Lesung mit Wilhelm Genazino
"Die Liebesblödigkeit"
20. 09.2005, 20.00 Uhr

Nahe-Zeitung vom 22.09.2005
Apokalypse in Halbbitter

Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino las am Heinzenwies-Gymnasium aus zwei seiner Romane

Mit rund 50 Zuhörern gut besucht war die Lesung mit Wilhelm Genazino, mit der der Kulturverein "Die Schnecke" sein Herbst/Winter-Programm startete. Der 1943 in Mannheim geborene Schriftsteller, der im vergangenen Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, las aus zwei seiner neueren Romane.

IDAR-OBERSTEIN. Ein Jugendlicher, der gerade vom Gymnasium geflogen ist, wird von der besorgten Mutter von einem Vorstellungsgespräch zum nächsten geschleift, damit er zumindest noch eine Lehre absolviert. Bei einem dieser Vorstellungen, in denen vor allem seine Mutter redet und er teilnahmslos dabei sitzt, sieht er draußen ein großes Werbeplakat. "Es war ein riesiges buntes Plakat für eine neue Halbbitter-Schokolade. Es dauerte keine halbe Minute, dann war ich in das Wort halbbitter vertieft. Ich begriff, dass ich mich selbst in einer halbbitteren Situation befand und dass mir das Plakat half, meine Lage zu verstehen."
Die Szene aus Wilhelm Genazinos Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman", aus dem er zunächst las, sagt viel über Genazinos Art zu schreiben aus. Es ist sein Blick für das scheinbar Nebensächliche, das zunächst nur aus dem Augenwinkel Wahrgenommene, an dem die meisten achtlos vorbeischauen würden, und die Verknüpfung dieser Wahrnehmung mit dem, was parallel passiert, offenbar nicht dazugehört, die zu seiner besonderen Art von Spannung, subtilem Witz und Erkenntnis führt.
"Wirklichkeit ist, was nicht zusammenpasst", fasste er einen zentralen Aspekt seines Werkes zusammen. Und folgerichtig sind auch seine zwar durchaus sympathischen, aber immer etwas in einem skurrilen und eher verträumten Abseits stehenden Protagonisten meist weder die großen Helden noch die glücklosen Versager, sondern Bewohner von Nischen, in denen andere Dinge, Gefühle und Erfolge wichtiger sind als in der etablierten Gesellschaft.
Der Ich-Erzähler seines bislang letzten und in den Augen vieler Kritiker besten Romans "Die Liebesblödigkeit" ist von Beruf freischaffender Apokalyptiker, verdient also sein Geld damit, Vorträge über den drohenden Untergang zu halten. Sein zentrales Problem ist, dass er schon seit Jahren mit zwei Frauen liiert ist, die allerdings nichts voneinander wissen. Schwierig wird es für den Apokalyptiker, als ihm eine der beiden Frauen, die Chefsekretärin Sandra, einen Heiratsantrag macht, der verbunden ist mit dem Versprechen einer soliden Altersvorsorge. Das Angebot von Sicherheit ist für den Helden, der sein Geld mit dem Weltuntergang verdient, sehr verführerisch, und er steht fortan in dem Konflikt, sich vielleicht doch für eine der beiden entscheiden zu müssen. Und so zergrübelt er diesen tiefgehenden Beweis von Zuneigung.
Seine Helden seien meist "verstolperte Männer, die nicht so richtig in diese Zeit passen", erläuterte der Autor in der folgenden Diskussion, die nicht weniger unterhaltsam als und lehrreich wie die Lesung war, und ergänzte: "Meine Figuren sind nicht schwach, sie entsprechen nur nicht dem heutigen Anforderungsprofil." Sie hätten sich, so Genazino, von der sogenannten Moderne abgewendet, "weil sie ihnen nicht antwortet". Der Schriftsteller gestand zu, dass seine Figuren hierin viele autobiografische Züge tragen und beklagte den Verlust ästhetischer Kriterien, etwa in der Architektur. Allerdings, so unterstrich er, wolle er mit seinen Bücherr keine entsprechende explizite Botschaft verbreiten, sondern dem Leser nur das Angebot eines kurzen Innehaltens machen. Jörg Staiber