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"Brandung"
Lesung mit Martin Walser
10.10.1985, 19.30 Uhr
Idar-Oberstein, Göttenbach-Aula

Nahe-Zeitung, 14.10.1985
Wenn die Gedanken schäumen
Martin Walser las in der "Göttenbach" aus "Brandung" 

"Ich schreibe, was mich bewegt" Diesen Satz könnte jeder unterschreiben, der seine Erlebnisse und Gedanken in beliebiger Form zu Papier bringt. Er stammt von Martin Walser, der auf Einladung des Kulturvereins "Die Schnecke" in der Göttenbach-Aula aus seinem neuesten Roman "Brandung" las. Zu schreiben, was ihn bewegt: Das ist für den 58jährigen Schriftsteller "die Antwort auf etwas, was nicht beantwortet ist und ansonsten unerträglich wäre." Auf der Suche nach eigenen Wahrheiten und Erkenntnissen unternimmt er faszinierende Seelen-Wanderungen, bei denen er bis in die hintersten Empfindungswinkel vorstößt.

Vor der Lesung: Während die einen am Bücherstand blättern, die anderen Konversation betreiben, sitzt Martin Walser abseits auf einem Stuhl und liest Wer einen oder mehrere Romane von ihm kennt und ihn jetzt da so sitzen sieht, gerät in Versuchung, ihn für einen introvertierten, zurückhaltenden Intellektuellen zu halten. Für diese Schublade ist er - natürlich - zu groß. Beim Lesen geht Walser aus sich heraus, lebt und leidet mit seinem (Anti-) Helden Helmut Halm, den er, wie er später zögernd bekennt, wie ein zweites Ich liebt.

Diesen Helmut Halm, Lehrer an einem Stuttgarter Gymnasium, kennen Walser Leser bereits aus der Novelle "Ein fliehendes Pferd". Ein alter Freund und Studienkollege vermittelt ihm, dem der Trott der zur Routine gewordenen täglichen Arbeit nur noch seltene Lichtblicke beschert, einen Lehrauftrag an der Washington University Oakland. Halm bricht auf, jaus und weg in das geliebte kalifornische Land, in ein neues Leben, das ihm schon von fern entgegenbrandete ... ihm als Lebensjubel in die Sinne und in die Sprache fuhr."

Martin Walser ist Helmut Halm - oder umgekehrt, Der Schriftsteller beschreibt und verarbeitet durch seine Kunstfigur einen längeren Aufenthalt in Kalifornien.
"Das ist eine Halm-Sache", hatte er kurz nach der Ankunft gespürt,

Was Halm in Kalifornien erlebt, ist persönlich-alltäglich. Nichts Besonderes. Zu etwas Besonderem wird es erst durch die Sprache, mit der Walser den Gedanken seiner zentralen Figur immer wieder bis auf den (Ab-)Grund nachspürt

Walser nimmt es mit der Sprache sehr genau. Sowohl mit dem geschriebenen als auch mit dem gesprochenen Wort. Sein Denken geht tief, berührt wunde Punkte. Mit einer brillanten Souveränität die nie anmaßend, sondern überzeugend bescheiden wirkt, spricht er über sich und sein Werk. Beides, seine Persönlichkeit, und seine Bücher, sprechen für sich. Walser hat es nicht wie manche Möchtegern- Künstler nötig, sich in peinlicher Selbstdarstellung ständig selbst zu beweihräuchern (die Beispiele kann sich in Idar-Oberstein und Umgebung jeder selbst suchen). Walsers Worte haben Substanz. Er erklärt ruhig, was" warum und wie er schreibt, auch wenn er sich oft mißverstanden fühlen muß.

Einige können mit seinen Büchern gar nichts anfangen. Was soll's, scheint er gelassen zu denken, Andere halten sie für resignativ und traurig, manche schmunzeln oder lachen über die Ver(w)irrungen, die kleinen und großen Katastrophen seiner Figuren. Für Walser sind diese Erlebnisse und Gedanken eher Komödien als Tragödien. Die Tragödie ereignet sich in der Wirklichkeit - durch die Verarbeitung beim Schreiben wird sie für ihn zur Komödie.

Halm-Gedanken zum amerikanischen Fernsehen sehen:"Am wohlsten wurde es ihm, wenn der Präsident auf dem Schirm erschien. Carol hatte recht, es konnte nichts Anheimelnderes geben als dieses hübsch geschminkte, ewig lachende Präsidentengespenst. Nur die Frau des Präsidenten ist noch anheimelnder als er. Sie ist der Inbegriff, sie ist das So-ist-es schlechthin!"

Ob solche intellektuellen Blitze traurig oder heiter wirken, bestimmt je nach seinem Weltbild und seinen Erfahrungen, jeder Leser selbst Auf diese Wirkung hat der Autor keinen Einfluß. Das Schreiben kann man nicht kommandieren".

Die ehrliche "Seelenarbeit" (Titel eines früheren Romans), die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und den Abgründen in sich selbst sucht nach Antworten. Antworten "auf Vorhandenes, Passiertes, Wirkliches, aber nicht Wiedergabe von etwas Passiertem." Walsers Antworten sind Kunstwerke: witzige Zuspitzungen, groteske und ironische Verfremdungen, rauschhafte Übertreibungen und Formein, die alles auf einen Punkt bringen.

Nur bei oberflächlichem Hinsehen fehlt seinen, Büchern das, was viele auch in ihrem Alltag vermissen: die Freude am Leben, der Genuß, die Ausschweifung der Sinne, kurz: das Positive. Bei Walser wird das Positive im Erkennen durch den schöpferischen Prozeß des Schreibens möglich. Oder anders ausgedrückt: Wer oberflächlich denkt und handelt, kann auch nur oberflächlich leben.

Seinen Helmut Halm läßt Walser in der stürmischen Seelen-"Brandung" denken: "Er mußte zugeben, daß das Leben,' dem alle Veranstaltungen dienten, etwas Schönes sei!" Kurt Knaudt