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Diskussion mit Edgar Reitz,
Regisseur der Filmchronik "Heimat"
23.09.1989, 22.00 Uhr
Idar-Oberstein, Göttenbach-Aula

Nahe-Zeitung, 25.09.1989
"Die zweite Heimat" ist zur Hälfte fertig"
Alles ist Wahrheit und alles ist Dichtung "
Warum Edgar Reitz seinen Film im Fernsehen nicht sehen wollte -
Negative Briefe nur aus dem Hunsrück

IDAR-OBERSTEIN. Früher habe sich ein Hunsrücker fast geschämt. wem man ihn Irgendwo draußen in der Weit auch seiner Herkunft fragte Heute sage er stolz. Aus dem Hunsrück Das La einer der wenigen Auswirkungen von "Heimat" in der Heimat - jedenfalls nach Einschätzung von Edgar Reitz. der mit seiner Chronik Filmgeschichte geschrieben hat. Am Freitagabend diskutierte er in der Göttenbach-Aula mit rund 40 Zuhörern über sein elfteiliges Werk, das der Kulturverein Die Schnecke" im Lauf der Woche auf einer Riesenleinwand vorführte. Im NZ-Gespräch erzählte der 57jährige Hunsrücker und Wahl-Münchner von seinem alten und seinem neuen Werk. Titel: "Die zweite Heimat".

Im Fernsehen hat sich der Regisseur die "erste Heimat" nicht angeschaut-. Nur auf der großen Leinwand im Kino erkennt er den Film als sein Werk an. Die Wiedergabe im Fernsehen sei dagegen ein billiger Abklatsch; so als ob ein Maler sein Bild auf Briefmarken-Format reproduziere. "Das halte ich nicht aus".

Aber auch in großen Bildern vermittelt ihm Seine Chronik keine tiefe Zufriedenheit: "Ich sehe Fehler über Fehler- falsche Besetzungen, Widersprüche in der Handlung und anderes mehr". Das liegt wohl in erster Linie an seinem Hang zum Perfektionismus: Zuschauer in 37 Ländern entdeckten in dem fast sechszehnstündigen Epos kaum einen Makel.

Er selbst erklärt sich die riesige Resonanz und die Gefühlsbewegungen, die der Film auslöste, mit einem ganz neuen Heimat-Bewutsein. In einer Zeit der Vereinheitlichung und wachsender internationaler Verflechtungen ("Heute befriedigen weltweit immer mehr Menschen dieselben Bedürfnisse Mit denselben Dingen") sehne sich jeder nach persönlicher Identität. Und die finde er nur in einem überschaubaren und begreifbaren Stück Welt: Seiner Heimat

Der Film habe vielen Menschen den Schlüssel für diese Einsicht geliefert. Sie erkannten sich und ihre Gefühle darin wieder. Überall auf der Welt.

In Italien läuft er seit 1986, in England kennt "Heimat" ohnehin fast jede(r) und die meisten Amerikaner wollen in Europa, so sagt Reitz lächelnd, vor allem drei Orte sehen: Horn, Heidelberg und Schabbach.

Im Hunsrück hingegen habe der Film hingegen kein neues Heimatgefühl geweckt: Von dort kamen die einzigen negativen und aggressiven Briefe, erzählt er ganz ohne Bitterkeit. Dahinter stecke wohl meist die immer noch landläufige Meinung: Man darf über alles sprechen, nur über die eigene Familie nicht.

Und hinter dem Stolz den viele Hunsrücker empfinden, vermutet er Eitelkeit. Sie können sagen. ich war in "Heimat" oder zumindest:- Ich wohne dort. wo "Heimat" spielt."Das ist wie der Huh-Huh-Effekt im Fernsehen. wenn die Leute in die Kamera winken."

Sonst habe sich wohl nichts geändert :Weiter würden ohne großen Widerspruch schöne alte Häuser geopfert um beispielsweise eine neue Bushaltestelle anzulegen so wie jüngst in Morbach geschehen, wo Edgar Reitz 1932 geboren wurde. Neues werde bedenkenlos angenommen. So viele Videotheken wie hierzulande habe er sonst noch nirgendwo gesehen.

Als 19ähriger verließ Reitz den Hunsrück, weit er spürte: "Hier finde ich mein Lebensglück nicht." Die Parallelen zu der Hauptfigur in seinem neuen, zur Hälfte abgeschlossenen Projekt sind nicht nur in diesem Punkt offenkundig: Das "Hermännche" aus Heimat bricht ebenfalls auf und kommt wie einst Edgar Reitz, in München an.

Die Großstadt wird beiden zur zweiten Wurzel des Lebens oder zur "Zweiten Heimat". Es ist ein Film über das Lebensalter zwischen 20 und 30, in dem sich nach Meinung von Reitz alles entscheidet was das spätere Leben prägt: Der Beruf, der Partner und die Freunde. Das könnten allerdings nur jene nachempfinden, die wie er selbst aufgebrochen sind. Aufgebrochen in eine neue Freiheit. die sich Reitz anfangs selbst unter anderem dadurch zu beweisen versuchte, daß er Weihnachten nicht nach Hause fuhr.

Dieses Streben nach eigener Selbstbestimmung ist ihm geblieben- Als Regisseur läßt er sich keine Beschränkungen auferlegen. um den autobiographisch gefärbten Lebensweg von Hermann zu verfilmen- 20 Stunden sind bereits im Kasten. 30 (!) sollen es bis zum Sendetermin im Jahre 1992 werden

Sieben Jahre hat der Filmemacher dann an diesem Werk gearbeitet Für andere Projekte ist in dieser Zeit kein Platz, obwohl ihm viele Ideen durch den Kopf gingen und gehen. "Ich habe nie unter Themenmangel gelitten. nur unter Zeitmangel."

Einige Szenen aus der "Zweiten Heimat" spielen wieder im Hunsrück. Nicht nur die gesamte Anfangssequenz wurde hier gedreht. Zwischendurch ist das Team immer mal wieder zu Dreharbeiten in den Hunsrück gekommen, zuletzt im August. Seinen Mitarbeitern könne er kein schöneres Geschenk machen: "Die sind von der Gegend total begeistert-"

Die Personen im zweiten stammen ebenso wie die im ersten "Heimat"-Film aus seinem eigenen Leben. "Alles ist Wahrheit und alles ist Dichtung", meint er zu diesem Thema. Eine in Anlehnung an ein bestimmtes Original geborene Figur entwickelt im Lauf der weiteren Denk-Arbeit ein Eigenleben, sie verselbständigt sich. Das könne soweit gehen. daß ihm eine bestimmte Filmfigur plötzlich im Traum erscheine, wie eine lebende Person.

Nach dem unerwarteten Erfolg hagelte es Angebote- Keins davon nahm er an. Er machte sich an die Arbeit für "Die zweite Heimat" Und was kommt danach? "Ich habe mich noch nicht entschieden. Aber wahrscheinlich ein Kino-Spielfilm - zum Ausruhen." Kurt Knaudt