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"Und sie bewegt mich doch !"
Kabarettabend mit Hanns-Dieter Hüsch
19.09.1986, 20.00 Uhr
Idar-Oberstein, Göttenbach-Aula

Nahe-Zeitung, 22.09.1986
"Ein bißchen Philosoph" Wieso ein bißchen?
Bei Hanns-Dieter Hüsch: Wenn Tränen die Sicht versperren ...
VON BERND SCHNEIDER

IDAR-OBERSTEIN. Helmut Kohl und Hanns-Dieter Hüsch haben eine Gemeinsamkeit: beide traktieren ständig mit den Fingerspitzen das Rede-Manuskript- Hüsch braucht diese Gemeinsamkeit nicht zu erschrecken: bei ihm ist das mit der ewigen Fingerspitzenaktivität ganz anders, hat ganz andere Gründe als beim Bundeskanzler.
Beim Bundeskanzler, der nicht vorkommt. In jedem kabarettistischen Programm kommt er vor - bei Hüsch nicht. Auch kein anderer Politiker.
"Ich brauche keinen Strauß" , erklärt uns Hüsch bei einem Vorgespräch in der Garderobe. Und auf der Bühne sagt er dann einem 533köpfigen Publikum in der überfüllten Göttenbach-Aula gar, er habe in seinem Programm keinen Platz für Politiker - und niemand sieht in dieser Äußerung eine Spur von Überheblichkeit Hüsch kann - weil er Hüsch-Niveau hat - ohne weiteres auf Aktualitäts-Satire verzichten. Im Gegensatz zu seinem Freund Dieter Hildebrandt, der (deswegen) mittlerweile psychisch an den Rand des Ruins geraten sei (Einschätzung Hüsch).
Ganz abgesehen davon seien Banalitäten wichtig. "Weil wir Banales immer hintanstellen, wird nichts aus uns."
Seine "Zielsetzungen" sind auch für Hüsch selber nicht leicht zu formulieren: .Ich mag, wenn die Leute lachen" und .Ich möchte, daß die Leute von so einem Abend etwas mitnehmen" kommt da heraus. Es klingt nicht ein bißchen pathetisch.
Irgendwann während der Vorbereitung auf das, was mit "Ein-Mann-Show" völlig unzutreffend charakterisiert wäre, sagt Hanns-Dieter Hüsch dann auch noch, er versuche, unterhaltend zu sein und ein bißchen philosophisch.
Wieso "ein bißchen", fragen wir uns später. Beim fünften Live-Erlebnis von Hüsch (das sechste ist sicher) haben wir endlich gefunden, wonach wir sehr lange suchten - die richtige Bezeichnung für das, was Hüsch ist Ein Populär-Philosoph. Denn: Hüsch ist weniger langweilig als die anerkannten Philosophen. Weil er zwischen die Botschaften" seiner Philosophie Nummern" legt, die Lachen auslösen, das an die Kondition geht. Ein junger Mann in der ersten Reihe verriet uns: ,Ich habe so sehr Tränen gelacht daß ich fast nichts mehr sehen konnte.«
Der Künstler sagt: Es kommt auch vor, daß Leute an der falschen Stelle lachen. Dann stelle ich mich auf die Seite dieser Leute - und nicht auf die Seite derer, die dieses falsche Lachen verurteilen."
Die Philosophie des Pazifisten Hüsch verdichtet sich auf die Erkenntnis, daß es ,mit allem nichts 'auf sich bar (0-Ton aus der Darbietung").
Hanns-Dieter Hüsch ist faszinierend. Und es ist geradezu beruhigend, daß dieser Mann vor gar nicht allzu langer Zeit noch bei Dick und Doof` (als Sprecher) mitgewirkt hat. Beunruhigend ist für uns, daß viele Leute Hüsch überhaupt nicht kennen.
Er mag sicherlich auch diese Leute. Aber ein bißchen mehr noch natürlich die, die zum Publikum gehörten und denen er zum Schluß seine Haupt-Erkenntnis Gemeinsam, das ist das Glück" geschenkt hat.
Das schönste Gefühl hat er nach eigener Aussage jedoch erst wenn er später von der Bühne aus in den mittlerweile leeren Saal blickt: "Dann erkenne ich, das ist mein Leben."