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Theaterstück von Martin Sperr

"Jagdszenen aus Niederbayern"
Theaterstück von Martin Sperr
von Schülern und Lehrern
des Gymnasium Birkenfeld
04.03.1986, 20.00 Uhr
Idar-Oberstein, Göttenbach-Aula

Nahe-Zeitung, 06.03.1986
"Jagdszenen" in der Aula der Göttenbach
Gymnasiasten führten Sperrs zeitloses Drama auf

Schüler des Gymnasiums Birkenfeld haben in der Aula Göttenbach ein Stück aufgeführt, dessen Inhalt nichts an Aktualität eingebüßt hat: Wolfgang Sperrs Jagdszenen aus Niederbayern", das 1966 entstand und 1969 auch verfilmt wurde.

Als "Stunde Null" wird der 8. Mai 1945 auch heute noch vielfach verstanden: als der Tag, an dem das "deutsche Volk" mit einem Schlag demokratisch wurde. Gerade aber in der Phase des Wiederaufbaus war Demokratie noch weitgehend eine Illusion. Nichtkritisches Mitdenken war gefragt: Es sollte mitgeschafft" mitaufgebaut werden in den alten Arbeitsstrukturen. Die Bildung eines politischen Bewußtseins blieb auf der Strecke, Antikommunismus und immer noch Konformismus bestimmten den Zeitgeist.
Martin Sperr greift in seinem Bühnenwerk den noch latent vorhandenen Faschismus der kleinen Leute" an, der sich in Fremdenfeindlichkeit und vor allem in schroffer Ablehnung alles Nichtkonformen äußert: hier richtet sich der Haß gegen einen jungen Homosexuellen.
Es sind nur "ehrliche, brave Leute", die in dem bayrischen Dorf in der Zeit kurz nach der Währungsreform leben. Brave Leute, die fleißig arbeiten und auch gerne einmal zünftig zusammen feiern. Wenn sich die Dorfbewohner nach dem Kirchgang zu einem gemütlichen Plausch zusammenfinden, wird das Dorfgeschehen diskutiert, das Verhalten jedes Einzelnen kommentiert.
Und wehe dem, der aus der Reihe tanzt. "Eine verheiratete Frau, wo der Mann vermißt ist, hat zwei ledige Männer im Haus. Die gehört ja verhaftet."
Schlimmer natürlich, wer gegen die Gesetze verstößt, und den Paragraphen .175, der Homosexualität unter Strafe stellte, gab es damals noch. Auch die Geringschätzung des angeblich "lebensunwerten Lebens" haben die Dorfbewohner aus dem dritten Reich herübergerettet. Rovo, der einmal in
der Heilanstalt war, wird als Dorftrottel menschlich und sozial Isoliert. Als seine einzige Bezugsperson, der Homosexuelle Abram, nach einem Effektmord verhaftet wird, begeht er Selbstmord.
Fleiß und Disziplin werden auch heute noch (oder wieder?) höher eingeschätzt, als Kritikfähigkeit und Toleranz. Eine steigende Fremdenfeindlichkeit, auch Antisemitismus sind wieder zu spüren. Soviel zur Aktualität des Stückes.
Zur Aufführung: Sparsame Kulissen spiegelten die Zeitlosigkeit des Stoffes wieder. Weiße Stellwände, im ersten Teil nur mit einer Aufzählung literarischer Werke (Thema: Das Dorf in der Literatur) beschriftet im zweiten Teil mit einem Zitat aus Ernst Blochs "Das Prinzip Hoffnung", waren einzige Kulisse. Sorgsam waren die Requisiten ausgesucht, hier wurde auf Übereinstimmung mit der Handlungszeit des Stückes geachtet.
Es war sicher eine gelungene Aufführung, gemessen an dem, was man erwarten konnte. Wer schauspielerisches Spitzenkönnen in einer Schüleraufführung erwartet, beweist Realitätsferne. Die Darstellung der Charaktere 'Ist allerdings meist gut gelungen. Gelegentliche Hänger, ein Lächeln an der falschen Stelle wirken sympathisch: der Spielcharakter der Handlung bleibt dadurch allerdings überdeutlich: der Zuschauer wird nicht in eine "andere Welt" entführt.
Das muß kein Nachteil (zumindest kein großer sein), wirkt auch nicht störend. Mit den Schauspielern selbst kann der Zuschauer schmunzeln. Dem Stück wird einiges der Beklemmung genommen, die es sonst vermitteln würde. Ob Betroffenheit entsteht, hängt von der Bereitschaft des Publikums ab, sich mit dem Inhalt des Stückes auseinanderzusetzen. Die Schauspieler haben es getan. Eine Leistung, die sich banal anhört, aber nicht gering eingestuft werden sollte.

Joachim Knapp