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Ausstellung zum Thema
"Die Schnecke in Literatur und Grafik"
11.-22.03.2002 
Idar-Oberstein, Redaktionsräume der NZ

Nobelpreisträger Günter Grass verglich in seinem 1972 erschienenen Buch "Aus dem Tagebuch einer Schnecke", vom dem auch der Kulturverein "Die Schnecke" seinen Namen ab geleitet hat, den Fortschritt mit dem Gang einer Schnecke. Allerdings gibt es diese Metapher schon wesentlich länger, wie etwa eine Zeichnung des berühmten französischen Karikaturisten Honoré Daumier aus dem Jahre 1869 zeigt. Diese und andere Zeichnungen, Grafiken und Lithografien, auf denen der schleimige Kriecher eine Rolle spielt, hat "Die Schnecke" zusammengetragen, darunter Arbeiten von Günter Grass, Paul Flora, Haitzinger, Luff, Gerhard Mester, aber auch Paul Klee. Ergänzt wird die bildliche Schneckenparade durch eine Reihe von Textgrafiken bekannter Wortkünstler, wie etwa Wolf Biermann oder Martin Walser. Ebenfalls zu sehen sind Arbeiten von heimischen Künstlern, wie etwa Günther Theobald oder Armin Peter Faust, die sich auf Wunsch des Kulturvereins des Themas angenommen haben. 

Ausstellungseröffnung am 08.03.

Nahe-Zeitung, 09.03.2002
In Wort und Bild eher vernachlässigt
Ausstellung von und zur "Schnecke" in der NZ

IDAR-OBERSTEIN. "Die Schnecke in Literatur und Grafik" ist Titel einer Ausstellung, die der Kulturverein "Die Schnecke" in den Redaktionsräumen der Nahe- Zeitung in Idar- Oberstein zeigt. Dazu haben auch Mitglieder des Kunstvereins wie Dr. Herbert Ruppel, Günther Theobald, Herbert Heß, Armin Peter Faust und Helmut Schmid Werke beigesteuert. Verlagsleiter Jürgen Klamet und "Schnecke"- Vorsitzender Axel Redmer konnten zur Vernissage zahlreiche Gäste begrüßen.
"Die Schnecke ist ein in Literatur und Grafik eher vernachlässigtes Tier", erläuterte Axel Redmer zum Einstieg. Als Nebenfigur sei sie dagegen schon den Römern bekannt gewesen. Trotz oder gerade ob ihrer sprichwörtlichen Langsamkeit diene sie auch als Symbol für den Fortschritt, erinnerte Redmer etwa an Texte von Günter Grass. Der Kulturverein hatte namhafte Autoren wie Sten Nadolny und Karikaturisten aufgefordert, sich des Themas anzunehmen - mit Erfolg. Nicht nur Nadolny steuerte einen Text bei. Auch Top- Karikaturist "Luff" alias Rolf Henn ließ sich nicht lange bitten. Zur Vernissage fesselte er überdies das Publikum mit seinem gezeichneten und gereimten Vortrag zum Thema Karikatur. (asu)

Nahe-Zeitung, 11.03.2002
Schnecken in allen Variationen
Kulturverein zeigt in einer Ausstellung in den Redaktionsräumen der Nahe- Zeitung die Darstellung des Weichtiers in der Kunst

Schnecken in vielfältigen Darstellungen zeigt eine Ausstellung des Kulturvereins "Die Schnecke" in der Redaktion der Nahe- Zeitung.

IDAR-OBERSTEIN. Nein, der Fortschritt ist keine Schnecke. Sten Nadolny bestreitet es ganz entschieden. Fortschritt hinterlässt keine Schleimspur, sondern geht zu Fuß - der Name sagt's. Fortschritt ist menschlich, oder er ist keiner, notierte er vergangenes Jahr.
Nachlesen kann man seine Gedanken über das Weichtier und die Weiterentwicklung in einer Ausstellung in den Redaktionsräumen der Nahe- Zeitung. Dort zeigt der Kulturverein "Die Schnecke" seine Namensgeberin in verschiedenen Darstellungsformen an Wänden und in einer Vitrine - von der Karikatur über Zeichnungen und Allegorien bis zu Schnitzereien. Zur Vernissage am Freitag demonstrierte der Karikaturist "Luff" alias Rolf Henn den knapp 100 geladenen Gästen sein Können: Er zeichnete Politikerköpfe, später auch Besucher. "Luff" selbst wurde ebenfalls skizziert: Dr. Herbert Ruppel, einer der ausstellenden Künstler, porträtierte ihn.
Im Laufe der Jahre besorgte sich "Schnecken"- Vorsitzender Axel Redmer Zitate und Bilder von Künstlern, darunter "Auftragsarbeiten" von Literaten wie Martin Walser oder Gerhard Zwerenz. Mitglieder des Kunstvereins - neben Ruppel Günther Theobald, Herbert Heß, Armin Peter Faust und Helmut Schmid - bat er, eigene Werke zu der Schnecken- Ausstellung beizusteuern. Und sie waren mit Eifer dabei. So trieb Theobald eine hölzerne Schnecke auf, die er als Schüler geschnitzt hatte.
Zu sehen sind Zeichnungen, Aquarelle und Aphorismen, Karikaturen von Horst Haitzinger und von "Luff", der Redmer auf einer geflügelten Schnecke zeichnete. Aber auch Historisches ist an den NZ-Wänden zu sehen: Ein Bild von Honoré Daumier, der 1869 "fortschrittliche" Schnecken zeichnete und damit, so Redmer, erstmals das Weichtier in den künstlerischen Blickpunkt rückte. Oder das Werk eines italienischen Künstlers, der eine Wiener Schneckenverkäuferin malte. Von Günter Grass, der sich "wie kein anderen mit der Schnecke befasst hat" (Redmer), sind Texte und Grafiken zu sehen. (da)

Vielfältig und sehr farbenfroh (wie diese Radierung von Herbert Hess) präsentiert sich derzeit "schleimiges Getier" in der NZ-Redaktion.  Foto: Hosser

Nahe-Zeitung, 15.03.2002
Kommen nur "Schleimer" und "Kriecher" zum Ziel?
Das Betrachten der Exponate der Schnecken- Ausstellung in der NZ-Redaktion führt auch zu bedenklichen Perspektiven

IDAR-OBERSTEIN. Die Schnecke als Allegorie des Fortschritts - dieses von Günter Grass benutzte Bild über die Mühen gesellschaftlicher Bestrebungen reißt, wenn man die Deutung der Attribute dieser Tierklasse konsequent vorantreibt, allerlei bedenkliche Perspektiven auf. Die Maler, Karikaturisten und Autoren, deren Produkte anlässlich der Ausstellung zum 20. Jahrestag der Gründung des Kulturvereins "Die Schnecke" die Gänge der NZ-Redaktion zieren, haben's konsequent vorangetrieben, mit viel Liebe zum Detail und zum Wort, mal bunt, mal bissig, mal befremdlich, und sie schreckten auch - trotz vorgegebenem optimistischem Fortschrittsaspekt - nicht vor unbequemen Kollateralfragen zurück: Kann eine Schnecke "schreiten"? Kommen nur "Schleimer" und "Kriecher" zum fortschrittlichen Ziel? Ist das fein ziselierte Schneckenhaus Schutz, Schmuck oder eher Beschwernis? Sind Schnecken nicht hemmungslos gefräßig, fallen bei Nacht und Nebel ein? Und verkriechen sich tagsüber feige? Ist also das Schnecken- Bild unpassend, oder ist gar der "Fortschritt" suspekt?

"Kanzler- Kohl- Schnecke"
Die "Schnecken"- Sammlung mit ihren über 60 Darstellungsvarianten, zusammengestellt von "Schnecke"- Vorsitzendem Axel Redmer, der über Jahre hin Zitate und Bilder heimischer und überregionaler Herkunft sammelte, antwortet klar und verspielt, grobschlächtig und ausweichend, hintersinnig und kapriziös. Da gibt es Schnecken, die zum genussreichen Verzehr bestimmt sind ("Schneckenverkäuferin"), die das zögerliche Vehikel für den Umweltschutz darstellen (Karikatur von Innenminister Zimmermann), die "Kanzler- Kohl- Schnecke", die Schnecken als Gehirnwindungsersatz, die Schneckenschale als mystisches Versteck, der Schnecken- Huckepack als Relativierung der Langsamkeit oder die Mühen der Schnecke bergauf mit ihrem eigenen sperrigen Haus... Aufschlusssreich auch die Texte: Mark Oppitz beklagt die pazifistische, nämlich hauslose Schnecke. Wolf Biermann schreibt der Schnecke nur einen "Fortkriech" zu. Grass gar nimmt 1980 seinen eigenen Ausspruch von 1970 zurück und stellt fest: "Die Schnecke ist zu schnell." "Schnecke und Wurm machen keinen Sturm", erfährt man als Sprichwort. Willy Brandt sieht die Grenzen des Fortschrittsbildes: "Springen kann die Schnecke nun mal nicht." Ronald Searle läßt sie's trotzdem tun: Mit einem menschlichen Fuß versehen und einem hinzugefügten Anti- Schleim- Text von Sten Nadolny hüpft sie munter von Pflasterstein zu Pflasterstein...
Nach so viel Zwiespältigkeit: Ist die Schnecke als Fortschrittssymbol vielleicht doch nicht so geeignet? Wäre die Schildkröte nicht passender? Sie ist stabiler, zeigt ein vorwärtsdrängendes Köpfchen und ist doch genau so bedächtig wie ihre klebrige Allegorieschwester. Als trockenhäutige Bannerträgerin der Progressivität würde sie bei ihren Interpreten sicherlich ebenfalls genügend aktionsgerichtete Kreativität freisetzen. Schildkröte statt Schnecke? Warum nicht - wenn's dem Fortschritt dient... Eiko Donay